Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

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Wiener 
Schule. 
werden deshalb stets von der Gegenwart auszugehen haben, und den 
Schwerpunkt auf die Untersuchung über die uns vorliegenden Verhält- 
nisse legen müssen. Die historische Untersuchung hat sekundär hinzu- 
zutreten, um zu zeigen, wie und wodurch die Gegenwart so geworden ist, 
wie sie ist, sie kann aber niemals auf die primäre Stellung in der poli- 
äschen Oekonomie Anspruch erheben. Sie hat hauptsächlichste Bedeu- 
sung für die Volkswirtschaftspolitik, weniger für die Nationalökonomie. 
Dem gegenüber glaubt die Wiener Schule, die sich die „exakte“ 
nennt, hauptsächlich im Sinne der Smithschen Richtung die Wissen- 
schaft durch aprioristische Konstruktionen fördern zu können, mehr 
Jeduktiv als induktiv vorgehen zu sollen. Unzweifelhaft ist nach 
lieser Richtung noch außerordentlich viel zu thun. Unsere Begriffs- 
definitionen sind noch keineswegs genügend durchgearbeitet und end- 
gültig festgestellt, und so lange bleibt eine Wissenschaft in den Kinder- 
schuhen, was die historische Schule zu wenig berücksichtigt. Auf 
dem Wege der Abstraktion, durch Isolierung einzelner Vorgänge und 
klare Aussonderung der Wirkung bestimmter Ursachen kann nach 
dem Vorbilde Thünens und der mathematischen Richtung noch viel 
Licht auf die wirtschaftlichen Erscheinungen geworfen werden. Aber 
auch diese Methode wird allein unmöglich zum Ziele führen. Sie 
:ördert hauptsächlich die Nationalökonomie, weniger die Volkswirt- 
schaftspolitik. Die Hauptsache bleibt die Beobachtung in dem prakti- 
schen Leben selbst, unter Hinzuziehung der Hilfsmittel, welche uns die 
beiden erwähnten Richtungen geboten haben. Unsere Wissenschaft 
bedarf offenbar beider Methoden, sowohl der deduktiven, wie der induk- 
tiven, um vorwärts zu kommen. Der praktische naturwissenschaftliche 
Weg wird die Grundlage zu bilden haben. Aber auch die Naturwissen- 
schaften haben gerade in der neuesten Zeit die wirksamste Anregung 
durch deduktiv3s Vorgehen erhalten, wie bekanntlich durch Darwins 
Hypothese. Das sollte den Anhalt zur Feststellung der Aufgabe unserer 
Wissenschaft bilden. 
Wenn wir nach dem Gesagten zu dem Ergebnis gelangen, daß 
as die Aufgabe der Nationalökonomie nicht sein kann, Naturgesetze 
aufzusuchen, sondern nur Regeln für bestimmte Zeiten, so ist ihr damit 
der Charakter einer Wissenschaft gewiß nicht genommen, der mehr 
durch die Forschungsmethode als durch das zu erreichende Ziel be- 
stimmt wird, Was die alte Schule als Naturgesetze auffaßte, ist be- 
reits zum großen Teile als für die Gegenwart nicht mehr zutreffend 
erkannt. Gleichwohl waren ihre Leistungen als wissenschaftliche an- 
zuerkennen, die für ihre Zeit Bedeutung hatten, aus denen wir hohen 
Nutzen zogen und auf denen wir fortbauen. Sind wir genötigt, unsere 
Ansprüche etwas bescheidener zu gestalten, als es in früheren Zeiten 
geschah, so sind ihre Aufgaben darum doch riesig groß und wohl des 
Schweißes der Besten wert. 
$ 11. 
Das Wesen der Produktion. 
Die Aufgabe wirtschaftlicher Thätigkeit ist, wie wir sahen, darauf 
gerichtet, für die menschlichen Bedürfnisse die Befriedigungsmittel zu 
schaffen. Sie geht dahin, die von der Natur gebotenen Gegenstände 
für die menschliche Benutzung brauchbarer zu machen, so daß sie 
eine höhere Bedeutung gewinnen, m. a. W. die wirtschaftliche Thätig-
	        
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