Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

der Intelligenz, die Ungleichheit des Besitzes u. s. w. bedingt sind, 
und statt der von der alten Schule geträumten Harmonie sehen wir 
vielmehr einen allgemeinen wirtschaftlichen Kampf um das Dasein vor 
uns, der mit sehr verschiedenen Waffen geführt wird, und bei dem 
keineswegs immer der siegende Teil als derjenige anzusehen ist, der 
der Volkswirtschaft am meisten nützt, und der unterliegende die‘ Ver- 
drängung selbst verschuldet hat. Eben deshalb können auch die von 
der Freihandelsschule gezogenen Konsequenzen nicht als richtig an- 
erkannt werden. Man bedarf vielmehr in der Staatsgewalt einer höheren 
Autorität, die über den Parteien steht, den Schwächeren schützt und 
die in dem Konkurrenzkampf zu Tage tretenden Härten‘ und Un- 
gerechtigkeiten mildert. 
Außerdem ist zu beachten, daß, wenn allerdings auch unter nor- 
malen Verhältnissen eine mäßige Konkurrenz im hohen Maße wünschens- 
wert ist, um einen Druck zur Ueberwindung der Trägheit auszuüben, 
Jeden zu zwingen, sich möglichst anzustrengen und Vollkommeneres zu 
leisten, diese günstige Wirkung ihre Grenze hat. "Treten zu viele 
Konkurrenten in derselben Branche auf, so ist in der Fabrikation die 
Ueberproduktion das Ergebnis; infolgedessen eine zu starke Herab- 
drückung der Preise, ev. unter die Produktionskosten, so daß sämt- 
liche Fabrikanten darunter leiden. Das Zugrundegehen der Schwächeren 
ist unvermeidlich, was zum Teil volkswirtschaftlich günstig sein kann, 
indem die weniger tüchtigen Elemente, sowie mit unzulänglichen Mitteln 
Ausgestatteten ausgeschieden werden und dafür die Tüchtigeren an 
ihre Stelle treten. Aber bis das erreicht ist, haben auch diese erheb- 
lich gelitten, und viele der solidesten Firmen sind gleichfalls zu Grunde 
gegangen. Ks sind aber noch andere Folgen damit verbunden, die 
von der alten Schule nicht beachtet wurden, In der Zeit des Auf- 
schwungs, z. B. anfangs der siebziger Jahre, wurden in Deutschland 
massenhaft Arbeiter vom Lande in die Städte gezogen, indem die neu 
auftauchenden Fabriken übermäßige Löhne boten, um den alten Ge- 
schäften tüchtige Kräfte zu entziehen. und überhaupt die nötigen 
Arbeiter zu beschaffen. Nach dem Rückgang der Preise infolge der 
übermäßigen Konkurrenz gingen massenhaft Fabriken zu Grunde, und 
aine große Zahl von Arbeitern war plötzlich auf die Straße geworfen 
und in die größte Not versetzt, und viele unschuldige Elemente hatten 
unter dem Uebermaß der Konkurrenz zu leiden. Kine andere Folge 
war, daß sich die bedrohten Geschäfte veranlaßt sahen, zu un- 
lauteren Maßregeln der Verschlechterung der Ware, Verschleierung 
der Preise etc. die Zuflucht zu nehmen, um sich überhaupt noch zu 
halten. Dieses Vorgehen schädigte das ganze Gewerbe, indem es den 
Kredit desselben im In- und Auslande untergrub. Die Schwankungen 
der Konjunkturen, wie sie durch übermäßige Konkurrenz herbeigeführt 
werden, sind als eine Hauptschattenseite unserer Zeit anzuerkennen. 
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß nach langem, heftigem Konkurrenz- 
kampf zwischen den Materialwarenhändlern einer kleinen Stadt, wie 
zwischen den Fabrikanten derselben Branche und konkurrierenden Eisen- 
bahnen, die Versuche natürlich sind, denselben durch eine Vereinigung 
zu beseitigen und dann durch die Bildung von Ringen, Kartellen, Trusts 
ein Monopol zu erlangen, und das Publikum doppelt auszubeuten, um 
sich für die vorhergegangenen Verluste sehadlos zu halten. Das Publi- 
kum pflegt deshalb auch aus einer zu scharfen Konkurrenz keinen 
nachhaltigen Vorteil zu haben, sondern hat im Gegenteil darunter zu 
Nachteile 
ibermäßiger 
Zonkurrenz.
	        
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