Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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sprechend selbst zu bezahlen, d. h. zu kaufen, um es dann bei passender 
Gelegenheit zu möglichst hohen Preisen wieder zu verkaufen. Damit sind 
diese Genossenschaften einfache Handelsgesellschaften geworden, die einen 
yanz anderen Charakter haben, als ursprünglich beabsichtigt war, weil sie zu 
einer selbständigen Spekulation genöti gt sind. Mit dem Getreidehandel ist 
aber ein sehr erhebliches‘ Risiko zerknüpft. Es liegt deshalb die Gefahr 
vor, dass die Landwirte dabei erhebliche Verluste erleiden. Das Ge- 
deihen derselben hängt ganz davon ab, ob es gelingt wirklich tüchtige 
Kaufleute an die Spitze zu stellen. Mehrere derartige Unternehmungen 
haben sich bereits zu einer Erweiterung ihrer Geschäftsthätigkeit auf 
andere landwirtschaftliche Produkte, die nicht von Mitgliedern produ- 
ziert werden, veranlasst gesehen, was zu erheblichen Bedenken Anlass 
yegehen hat, da dieser Handels- und Spekulationsbetrieb‘ mit Staats- 
unterstützung geschieht. Und so wenig sich gegen ein derartiges 
rein privatwirtschaftliches Vorgehen einwenden lässt, so unthunlich er- 
scheint es Staatsmittel zu Spekulationszwecken zu benutzen und den 
Privatunternehmern dadurch aussergewöhnliche Konkurrenz zu machen. 
Es wird deshalb die weitere Entwicklung dieser Genossenschaften, die 
sich bisher leidlich günstig vollzog, abgewartet werden müssen, bevor 
man ein abschliessendes Urteil darüber gewinnen kann. 
Um den Unzuträglichkeiten des bisherigen Viehhandels, nament- 
lich einer Ringbildung der Zwischenhändler entgegen zu treten, ist 
1899 eine Viehverkaufsgenossenschaft für Deutschland in Berlin 
aingerichtet, welche alle Zweige des Viehhandels zu betreiben sucht 
Ausserdem existieren eine Anzahl Spezialgenossenschaften für die Ver- 
wertung einzelner Viehgattungen z. B. von Zuchtvieh, Mastvieh oder 
Zugtieren. In der gleichen Weise haben sich in einzelnen Gegenden 
Organisationen zur gemeinsamen Verwertung von Butter gebildet z. B. 
die Zentralverwertungsgenossenschaft der Molkereigenossenschaften in 
Ost- und Westpreussen, auch in anderen preussischen Provinzen, ferner in 
Oldenburg, Niederbayern. 1898 ist von den preussischen Landwirtschafts- 
kammern eine Zentralstelle für Viehverwertung errichtet, welche die 
folgenden Aufgaben hat: 1. Die Organisation von Einrichtungen der 
Selbsthülfe auf dem Gebiete des einheimischen Viehhandels, 2. Die Be- 
obachtung und Kontrolle aller Vorgänge hinsichtlich des in- und aus- 
ländischen Vich- und Fleischhandels. ° 
Schliesslich sind noch Versicherungsvereine, namentlich die 
sogenannten Kuhkassen zu erwähnen, welche den Zweck haben, den 
kleinen Mann bei Viehsterben an gewöhnlichen Krankheiten oder durch 
Unfälle zu entschädigen, und eine unendliche Wohlthat sein können. Denn 
die grossen Viehversicherungsgesellschaften können wohl gegen Seuchen 
ınd gewisse leicht erkennbare Unfälle die Versicherung übernehmen 
ınd ausreichende Kontrolle durchführen, nicht aber gegen die gewöhn- 
lichen Krankheiten ete., da sie nicht festzustellen vermögen, wie weit 
Jen Viehbesitzer hierbei eine Schuld trifft, und daher Unredlichkeit 
unterstützt, Prozesse in grosser Zahl angeregt werden, während in kleinen 
Vereinen die Ueberwachung ohne grosse Kosten und Schwierigkeiten 
durch die Nachbaren selbst ausreichend erzielt werden kann. 
Alle diese erwähnten Genossenschaften haben eine so hohe Be- 
deutung für die Entwicklung der ganzen Landwirtschaft und insbe- 
Tiehverkaufs- 
genossen- 
schaften. 
Zuhkassen.
	        
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