Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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sich die völlige Freiheit zu erkaufen, wozu sich bei den häufigen 
Geldverlegenheiten der Herren oft genug Gelegenheit fand. Und auch, 
wo die Fessel nicht gänzlich beseitigt wurde, erlangte der Handwerker 
thatsächlich eine immer grössere Selbständigkeit und wirtschaftliche 
Bedeutung. Gerade so wie auch in der ersten Hälfte des letzten 
Jahrhunderts es in Russland reiche Kaufleute, wohlhabende Hand- 
werker und selbst Industrielle in den grossen Städten gab, die Hörige 
waren, und der Grundherr sah seinen Stolz darin, auch seinen Luxus- 
bedarf möglichst allgemein von eigenen Leuten herstellen zu lassen 
und wohlhabende und angesehene Unterthanen zu haben. 
In der erwähnten Weise entwickelte sich in der zweiten Hälfte 
des Mittelalters immer allgemeiner ein freier, selbständiger Hand- 
werkerstand, der ein bedeutsamer Faktor in dem wirtschaftlichen und 
politischen Leben wurde. Ein Haupthülfsmittel zu diesem Aufschwunge 
war die Ausbildung der Zünfte, denen wir jetzt näher treten müssen. 
$ 31. 
Die erste Entwickelung des Zunftwesense. 
Stieda, Die Entstehung des deutschen Zunftwesens, Jahrb. für Nat.-Oek. 1876. 
Schönfeld, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens im 
Mittelalter. Ebenda, Bd. IX. 1867. 
Nitsch, Ueber die Entstehung der Zünfte. Schriften der Academie der 
Wissensch. Berlin 1879. 
Schmoller, Strassburg zur Zeit der Zunftkämpfe und die Reform seiner Ver- 
fassung und Verwaltung im XV. Jahrh, Strassburg 1875. 
Ders., Strassburger Tucher- und Weberzunft. Strassburg 1879. 
X. Meister, Die ältesten gewerblichen Vorstände von Wernigerode, Jena 1890. 
Eberstadt, Der Ursprung des Zunftwesens und die älteren Handwerksverbände 
des Mittelalters. Leipzig 1900. 
Hörige 
Innungen, 
In der Zeit des Faustrechts, wo die Staatsgewalt nicht imstande 
war, dem einzelnen Hülfe zu leisten und ihm zu seinem Rechte zu 
verhelfen, oder eine solche Aufgabe überhaupt noch garnicht als zum 
Staatswesen gehörig erkannt hatte, lag es in der Natur der Sache, dass 
sich alle diejenigen vereinigten und zu gegenseitigem Nutzen organi- 
sierten, welche die gleichen Interessen hatten. So sehen wir den Adel 
fest zusammenhalten, die geistlichen Orden sich ausbilden und über 
das Land verbreiten. Aus der Familie heraus entwickeln sich die 
Verbrüderungen, unter Erweiterung der Blutsverwandtschaft, durch 
äusserliche Mischung des Blutes, zur gegenseitigen Verteidigung und 
Blutrache. Auf wirtschaftlichem Gebiete wachsen aus den Verbrüde- 
rungen heraus die Kaufmannsgilden, welche den Kaufleuten an ent- 
legenen Orten Anschluss und Hülfe gewährleisten. 
Auf der anderen Seite nötigt die wirtschaftliche Entwickelung 
zu einer Arbeitsvereinigung und Organisation derselben. Schon auf 
den grossen Herrenhöfen, wie den Domänen wurden die hörigen Hand- 
werker, so weit die Zahl ausreicehte, nach den einzelnen Gewerben zu 
Vereinigungen organisiert, um die Arbeitskräfte besser ausnutzen, die 
Arbeit selbst besser kontrollieren zu können, An die Spitze wurde 
von dem Herren ein Beamter als Obmann gestellt, dem sich die übrigen 
unterzuordnen hatten. Er verteilte und überwachte die Arbeiten und 
war für die Lieferungen verantwortlich. Zugleich hatte er den Nach-
	        
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