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sich die völlige Freiheit zu erkaufen, wozu sich bei den häufigen
Geldverlegenheiten der Herren oft genug Gelegenheit fand. Und auch,
wo die Fessel nicht gänzlich beseitigt wurde, erlangte der Handwerker
thatsächlich eine immer grössere Selbständigkeit und wirtschaftliche
Bedeutung. Gerade so wie auch in der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts es in Russland reiche Kaufleute, wohlhabende Hand-
werker und selbst Industrielle in den grossen Städten gab, die Hörige
waren, und der Grundherr sah seinen Stolz darin, auch seinen Luxus-
bedarf möglichst allgemein von eigenen Leuten herstellen zu lassen
und wohlhabende und angesehene Unterthanen zu haben.
In der erwähnten Weise entwickelte sich in der zweiten Hälfte
des Mittelalters immer allgemeiner ein freier, selbständiger Hand-
werkerstand, der ein bedeutsamer Faktor in dem wirtschaftlichen und
politischen Leben wurde. Ein Haupthülfsmittel zu diesem Aufschwunge
war die Ausbildung der Zünfte, denen wir jetzt näher treten müssen.
$ 31.
Die erste Entwickelung des Zunftwesense.
Stieda, Die Entstehung des deutschen Zunftwesens, Jahrb. für Nat.-Oek. 1876.
Schönfeld, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens im
Mittelalter. Ebenda, Bd. IX. 1867.
Nitsch, Ueber die Entstehung der Zünfte. Schriften der Academie der
Wissensch. Berlin 1879.
Schmoller, Strassburg zur Zeit der Zunftkämpfe und die Reform seiner Ver-
fassung und Verwaltung im XV. Jahrh, Strassburg 1875.
Ders., Strassburger Tucher- und Weberzunft. Strassburg 1879.
X. Meister, Die ältesten gewerblichen Vorstände von Wernigerode, Jena 1890.
Eberstadt, Der Ursprung des Zunftwesens und die älteren Handwerksverbände
des Mittelalters. Leipzig 1900.
Hörige
Innungen,
In der Zeit des Faustrechts, wo die Staatsgewalt nicht imstande
war, dem einzelnen Hülfe zu leisten und ihm zu seinem Rechte zu
verhelfen, oder eine solche Aufgabe überhaupt noch garnicht als zum
Staatswesen gehörig erkannt hatte, lag es in der Natur der Sache, dass
sich alle diejenigen vereinigten und zu gegenseitigem Nutzen organi-
sierten, welche die gleichen Interessen hatten. So sehen wir den Adel
fest zusammenhalten, die geistlichen Orden sich ausbilden und über
das Land verbreiten. Aus der Familie heraus entwickeln sich die
Verbrüderungen, unter Erweiterung der Blutsverwandtschaft, durch
äusserliche Mischung des Blutes, zur gegenseitigen Verteidigung und
Blutrache. Auf wirtschaftlichem Gebiete wachsen aus den Verbrüde-
rungen heraus die Kaufmannsgilden, welche den Kaufleuten an ent-
legenen Orten Anschluss und Hülfe gewährleisten.
Auf der anderen Seite nötigt die wirtschaftliche Entwickelung
zu einer Arbeitsvereinigung und Organisation derselben. Schon auf
den grossen Herrenhöfen, wie den Domänen wurden die hörigen Hand-
werker, so weit die Zahl ausreicehte, nach den einzelnen Gewerben zu
Vereinigungen organisiert, um die Arbeitskräfte besser ausnutzen, die
Arbeit selbst besser kontrollieren zu können, An die Spitze wurde
von dem Herren ein Beamter als Obmann gestellt, dem sich die übrigen
unterzuordnen hatten. Er verteilte und überwachte die Arbeiten und
war für die Lieferungen verantwortlich. Zugleich hatte er den Nach-