Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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wuchs anzulernen, wie den Angelernten ihre Stellung anzuweisen. Auf 
solche Weise gab es wohl organisierte hörige Innungen sowohl an den 
yrösseren isolierten Herrenhöfen, wie an den Sitzen der Grafen, Bischöfe 
und sonstiger Würdenträger in den Städten, 
Nach diesem Vorbilde entwickelten sich neben ihnen Ver- Freie Zünfte. 
einigungen freier Handwerker in den Städten zu den sogenannten 
Zünften. Ihre Aufgabe war zunächst die Vertretung ihrer Interessen 
gegenüber den Grundherren und sonstigen städtischen Bürgern, dann 
innerhalb der eigenen Kreise Ordnung und gegenseitige wirtschaftliche 
Unterstützung zu gewährleisten. 
Mit der zunehmenden Beseitigung des alten Hörigkeitsverhält- 
nisses erlangten aber auch die alten hörigen Innungen allmählich 
Freiheit und Selbständigkeit, und gingen in die neuen Organisationen 
der Zünfte über. Noch lange Zeit behielt dann der Grundherr gewisse 
Rechte, nicht nur der Genehmigung der Statuten, sondern auch der 
Ernennung des Obmannes, wie es für Wernigerode nachgewiesen ist. 
Die Zünfte hatten bestimmte Abgaben an den Fürsten zu entrichten, 
die nicht überall den Charakter einer Steuer hatten, sondern eine Ab- 
zabe als Rest früherer Dienstleistungen. So ist der alte Streit zu 
schlichten, ob die Zünfte aus den hörigen Innungen hervorgegangen, 
oder freie, selbständige Organisationen sind. Es ist eben beides neben 
ainander hergegangen und die Frage ist nicht nach einem entweder- 
oder zu entscheiden. 
Ganz dasselbe ist aber auch über die Ursachen der Entstehung 
der Zünfte zu sagen, die von verschiedenen Autoren sehr verschieden 
beurteilt werden. 
Schmoller geht davon aus, dass die Zünfte hervorgegangen sind 
aus einer Art Gewerbegericht, um die Streitigkeiten zwischen Meistern, 
wie zwischen Meistern und Gesellen zu: schlichten, da eine andere 
[nstanz von ihnen nicht anerkannt wurde, um weder von dem Magistrat 
noch von einzelnen Grundherren in dieser Hinsicht abhängig zu sein. 
Ganz unzweifelhaft ist dieses mit eine Veranlassung gewesen. Aber 
obenso sicher ist es, dass es nicht die alleinige war, sondern dass der 
damalige Zeitgeist vollständig ausreicht, um die Gründung solcher 
Organisationen zu erklären, ja, als etwas Selbstverständliches oder 
Natürliches anzusehen. Dazu kommt, dass ein grosser Unterschied 
zwischen den‘ grossen Städten und den Landstädten vorliegt, wie 
zwischen den sich selbständig entwickelnden Städten als Krystallisations- 
punkte von Handel und Verkehr, und denjenigen, die nur erweiterte 
Fürstensitze oder sonstige Herrensitze bildeten. 
Die Zeit der Entstehung der Zünfte liegt für Deutschland in dem 
12. Jahrhundert, für welches uns eine ganze Anzahl Zunttbriefe erhalten 
sind: für die Fischer zu Worms von 1106, die Schuhmacher zu Würz- 
burg und Magdeburg von 1128 und 1158, die Gewandschneider gleich- 
falls in Magdeburg 1183 u. s. W., die wichtig sind, um danach die ersten 
Aufgaben der Zünfte zu beurteilen. Mögen auch schon früher Zünfte 
organisiert gewesen sein, so haben sie doch in Deutschland vor dem 
{2 Jahrhundert jedenfalls keine Bedeutung gehabt. In anderen Län- 
Jern wie Frankreich, England, reicht die Entstehung aber noch ein 
Jahrhundert weiter zurück. Ueberhaupt ist zu sagen, dass das Zunft- 
wesen in ganz Europa zur Ausbildung gelangte und überall eine hohe 
Entstehung 
der Zünfte.
	        
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