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wuchs anzulernen, wie den Angelernten ihre Stellung anzuweisen. Auf
solche Weise gab es wohl organisierte hörige Innungen sowohl an den
yrösseren isolierten Herrenhöfen, wie an den Sitzen der Grafen, Bischöfe
und sonstiger Würdenträger in den Städten,
Nach diesem Vorbilde entwickelten sich neben ihnen Ver- Freie Zünfte.
einigungen freier Handwerker in den Städten zu den sogenannten
Zünften. Ihre Aufgabe war zunächst die Vertretung ihrer Interessen
gegenüber den Grundherren und sonstigen städtischen Bürgern, dann
innerhalb der eigenen Kreise Ordnung und gegenseitige wirtschaftliche
Unterstützung zu gewährleisten.
Mit der zunehmenden Beseitigung des alten Hörigkeitsverhält-
nisses erlangten aber auch die alten hörigen Innungen allmählich
Freiheit und Selbständigkeit, und gingen in die neuen Organisationen
der Zünfte über. Noch lange Zeit behielt dann der Grundherr gewisse
Rechte, nicht nur der Genehmigung der Statuten, sondern auch der
Ernennung des Obmannes, wie es für Wernigerode nachgewiesen ist.
Die Zünfte hatten bestimmte Abgaben an den Fürsten zu entrichten,
die nicht überall den Charakter einer Steuer hatten, sondern eine Ab-
zabe als Rest früherer Dienstleistungen. So ist der alte Streit zu
schlichten, ob die Zünfte aus den hörigen Innungen hervorgegangen,
oder freie, selbständige Organisationen sind. Es ist eben beides neben
ainander hergegangen und die Frage ist nicht nach einem entweder-
oder zu entscheiden.
Ganz dasselbe ist aber auch über die Ursachen der Entstehung
der Zünfte zu sagen, die von verschiedenen Autoren sehr verschieden
beurteilt werden.
Schmoller geht davon aus, dass die Zünfte hervorgegangen sind
aus einer Art Gewerbegericht, um die Streitigkeiten zwischen Meistern,
wie zwischen Meistern und Gesellen zu: schlichten, da eine andere
[nstanz von ihnen nicht anerkannt wurde, um weder von dem Magistrat
noch von einzelnen Grundherren in dieser Hinsicht abhängig zu sein.
Ganz unzweifelhaft ist dieses mit eine Veranlassung gewesen. Aber
obenso sicher ist es, dass es nicht die alleinige war, sondern dass der
damalige Zeitgeist vollständig ausreicht, um die Gründung solcher
Organisationen zu erklären, ja, als etwas Selbstverständliches oder
Natürliches anzusehen. Dazu kommt, dass ein grosser Unterschied
zwischen den‘ grossen Städten und den Landstädten vorliegt, wie
zwischen den sich selbständig entwickelnden Städten als Krystallisations-
punkte von Handel und Verkehr, und denjenigen, die nur erweiterte
Fürstensitze oder sonstige Herrensitze bildeten.
Die Zeit der Entstehung der Zünfte liegt für Deutschland in dem
12. Jahrhundert, für welches uns eine ganze Anzahl Zunttbriefe erhalten
sind: für die Fischer zu Worms von 1106, die Schuhmacher zu Würz-
burg und Magdeburg von 1128 und 1158, die Gewandschneider gleich-
falls in Magdeburg 1183 u. s. W., die wichtig sind, um danach die ersten
Aufgaben der Zünfte zu beurteilen. Mögen auch schon früher Zünfte
organisiert gewesen sein, so haben sie doch in Deutschland vor dem
{2 Jahrhundert jedenfalls keine Bedeutung gehabt. In anderen Län-
Jern wie Frankreich, England, reicht die Entstehung aber noch ein
Jahrhundert weiter zurück. Ueberhaupt ist zu sagen, dass das Zunft-
wesen in ganz Europa zur Ausbildung gelangte und überall eine hohe
Entstehung
der Zünfte.