Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Handwerker- 
proletariat. 
ist aber natürlich in jedem Augenblick im Stande, dem Handwerker 
den Boden zu entziehen. 
Eine dritte, gerade in Deutschland ausserordentlich verbreitete 
Gruppe bilden die kleinen, selbständigen Meister und Gesellen, die un- 
mittelbar für Kunden arbeiten, hier und da auch zugleich für grössere 
Geschäfte, also als Hausindustrielle thätig sind und teils ohne Gehülfen, 
teils nur mit einem Lehrling ihre Thätigkeit ausführen. Man braucht 
nur an die grosse Zahl der kleinen Schuhmacher und Schneider, Tisch- 
ler, aber auch Maler, Dekorateure, Sattler u. s. w. zu denken, die 
überall verbreitet sind. 1882 wurden in Deutschland noch 1,9 Mill- 
onen Personen gezählt, die ganz ohne Gehülfen als selbständige Ge- 
werbetreibende aufgeführt wurden. Das waren nicht weniger als 
26,1 % der Gewerbetreibenden im engeren Sinne. 1895 wurde die 
Zahl auf 1714251 angegeben, da sich inzwischen die Zahl der Ge- 
werbetreibenden erheblich vermehrt hatte, nur 16,7 %,. Ks ergiebt 
sich, dass diese Kategorie mehr und mehr im Schwinden begriffen ist, 
und ‚es ist zu untersuchen, von welcher Bedeutung dieses ist. 
Unzweifelhaft ist ein grosser Teil von diesen auf dem Lande 
in den kleinen Landstädten, wie schon ausgeführt, ganz unentbehrlich 
und sie erfüllen eine volkswirtschaftliche Aufgabe. Auch in den 
zrossen Städten sind eine Anzahl von ihnen durchaus am Platze, 
namentlich wenn sie entweder eine Nebenbeschäftigung haben, z. B. 
als Hausmann den Eingang bewachen, wobei sie ihre Thätigkeit unge- 
stört fortsetzen können, oder wenn sie sich durch besondere Soli- 
dität und Brauchbarkeit ihrer Leistungen das Vertrauen der Umwohner 
erworben haben und zu kleineren und grösseren Dienstleistungen in 
der Nachbarschaft herangezogen werden. Dieselben können dann sehr 
wohl angemessene Beschäftigung finden und ganz gut situiert sein. 
Oder, was sich in der neueren Zeit allgemeiner findet, diese kleinen 
Leute übernehmen bestimmte Arbeiten für grosse Unternehmungen als 
Heimarbeiter, Tischler z. B., indem sie bestimmte Möbelstücke, Kleider- 
schränke, oder Cylinderbüreaus mit besonderer Sorgfalt anfertigen und 
in die Magazine liefern, sobald ein Stück fertig gestellt ist. Da- 
neben übernehmen sie Arbeit für Privatkunden, die in der Regel 
besser bezahlt wird, und bald ist das eine, bald das andere die 
Hauptsache für sie. Auf diese Weise finden sie gleichmässig dauernde 
Beschäftigung. 
Ausser diesen existiert nun aber gerade in Deutschland eine 
sehr bedeutende Zahl völlig ausgebildeter kleiner Meister und wohl 
noch häufiger halbausgebildeter Gesellen, die sich vorzeitig selbständig 
machen und nun ein überaus elendes Dasein führen, indem es ihnen 
aicht gelingt, eine dauernde gleichmässige Beschäftigung zu erlangen. 
Ihre Zahl ist viel zu gross für den Bedarf, und ein erheblicher ”Leil 
von ihnen hat keine wirtschaftliche Berechtigung. Zu ihnen gehört 
eine Zahl von heruntergekommenen Meistern, die eine Zeit lang viel- 
leicht ausreichende Beschäftigung gefunden haben, sie dann aber, sei 
es infolge ihrer Untüchtigkeit oder infolge übermässiger Konkurrenz 
verloren haben. Bei diesen kann man sehr häufig finden, dass der 
alte Zünftlerstolz ihr Unglück ist. Sie können es nicht über sich ge- 
winnen, ihre Selbständigkeit aufzugeben und hungern lieber, als dass sie 
sich als Gehülfen in ein grösseres Unternehmen einstellen lassen. Es
	        
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