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Kräfte dem schwächeren Teile der Bevölkerung nach den verschie-
densten Richtungen eine erhebliche Macht zur Vertretung der eigenen
Interessen verschafft werden kann. Das ist der Fall erstens, um eine
politische Bedeutung zu gewinnen, wobei die Kopfzahl besonders ins
Gewicht fällt. Die Associerung kann ferner von Wichtigkeit werden für die
Entfaltung des geistigen Lebens, durch Vereine mit Bildungszwecken,
ganz besonders dann zur Erfüllung wirtschaftlicher Aufgaben. Diese
letzteren sind wiederum in zwei Arten zu unterscheiden, die Ver-
sicherungsgenossenschaften und die Erwerbs- und Wirt-
schaftsgenossenschaften. Die KErsteren umfassen die Kranken-,
Begräbnis-, Altersversorgungskassen mit mehr humanitärem Charakter,
die zweiten Associationen bezwecken unmittelbar die Besserung der
wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung und haben uns hier zunächst
ausschliesslich zu beschäftigen. ÜUeberall kommt der Grundgedanke
zur Geltung: Finigkeit macht stark. Für alle Associationen ist
eine grössere Reife der Bevölkerung notwendig, um etwas zu er-
reichen, die sich äussert in entwickeltem Gemeinsinn, Verständnis für
die Zeitverhältnisse und die unmittelbaren Aufgaben, vor allem aber in
Jem Geist der Eintracht und freiwilligen Unterordnung unter den Ge-
samtwillen, resp. die Majorität. Ueberall ist eine gewisse Resignation
in betreff der Vertretung der eigenen Anschauungen und mehr oder
weniger Opferfreudigkeit verlangt. Es ist daher sehr begreiflich, dass
diese Bestrebungen nicht zu allen Zeiten vorhanden gewesen sind,
sondern sich erst auf einer höheren Kulturstufe zeigen, und es ist
wiederum als ein Zeichen des Fortschritts anzusehen, dass man unsere
Zeit als das Zeitalter der Association bezeichnet hat und bezeichnen
konnte.
Sind vereinzelt natürlich auch schon in früheren Zeiten Ver-
einigungen einer grösseren Zahl von Personen aufgetreten, um gemein-
sam wirtschaftliche Aufgaben zu erfüllen; — das ganze Zunftwesen ist ja
von diesem Gedanken erfüllt, und die Zünfte haben den Associations-
yedanken nach den verschiedensten Richtungen hin verwertet und aus-
gebildet, — so ist doch in moderner Weise derselbe hauptsächlich
angeregt. durch sozialistische Schriftsteller wie Saint-Simon und
Enfantin, ganz besonders aber und allein mit unmittelbarer praktischer
Bedeutung, von Robert Owen, der den Anstoss vor allen Dingen zu
Versuchen mit Produktivassociationen aller Art, namentlich auf dem
Lande, gab, dann aber den schon früher vorhandenen genossenschaft-
lichen kleinen Kaufläden höhere allgemeinere Ziele steckte und ihnen
dadurch zu einer besonderen Bedeutung verhalf. Dieser erste Auf-
schwung des englischen Genossenschaftswesens fiel in der Hauptsache
in die zwanziger und Anfang der dreissiger Jahre und erlosch zugleich
mit der Chartistenbewegung, die andere Bahnen verfolgte. Erst in den
vierziger Jahren stellte sich die Bewegung auf reale wirtschaftliche
Grundlage und vermochte sich dann nachhaltig zu entfalten, wobei der
Schwerpunkt auf die Konsumvereine gelegt wurde. In Frankreich
ist die Bewegung in praktische Bahnen besonders von Buchez in den
vierziger Jahren geleitet und gleichfalls zunächst in der Form kleiner
Produktivgenossenschaften, während in der neueren Zeit die verschie-
denen anderen Arten mehr in den Vordergrund getreten sind und eine
hohe Bedeutung erlangt haben. In Deutschland sind die Anfänge
Zrste prak-
:äische Ver-
suche.