Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

— 205 — 
Kräfte dem schwächeren Teile der Bevölkerung nach den verschie- 
densten Richtungen eine erhebliche Macht zur Vertretung der eigenen 
Interessen verschafft werden kann. Das ist der Fall erstens, um eine 
politische Bedeutung zu gewinnen, wobei die Kopfzahl besonders ins 
Gewicht fällt. Die Associerung kann ferner von Wichtigkeit werden für die 
Entfaltung des geistigen Lebens, durch Vereine mit Bildungszwecken, 
ganz besonders dann zur Erfüllung wirtschaftlicher Aufgaben. Diese 
letzteren sind wiederum in zwei Arten zu unterscheiden, die Ver- 
sicherungsgenossenschaften und die Erwerbs- und Wirt- 
schaftsgenossenschaften. Die KErsteren umfassen die Kranken-, 
Begräbnis-, Altersversorgungskassen mit mehr humanitärem Charakter, 
die zweiten Associationen bezwecken unmittelbar die Besserung der 
wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung und haben uns hier zunächst 
ausschliesslich zu beschäftigen. ÜUeberall kommt der Grundgedanke 
zur Geltung: Finigkeit macht stark. Für alle Associationen ist 
eine grössere Reife der Bevölkerung notwendig, um etwas zu er- 
reichen, die sich äussert in entwickeltem Gemeinsinn, Verständnis für 
die Zeitverhältnisse und die unmittelbaren Aufgaben, vor allem aber in 
Jem Geist der Eintracht und freiwilligen Unterordnung unter den Ge- 
samtwillen, resp. die Majorität. Ueberall ist eine gewisse Resignation 
in betreff der Vertretung der eigenen Anschauungen und mehr oder 
weniger Opferfreudigkeit verlangt. Es ist daher sehr begreiflich, dass 
diese Bestrebungen nicht zu allen Zeiten vorhanden gewesen sind, 
sondern sich erst auf einer höheren Kulturstufe zeigen, und es ist 
wiederum als ein Zeichen des Fortschritts anzusehen, dass man unsere 
Zeit als das Zeitalter der Association bezeichnet hat und bezeichnen 
konnte. 
Sind vereinzelt natürlich auch schon in früheren Zeiten Ver- 
einigungen einer grösseren Zahl von Personen aufgetreten, um gemein- 
sam wirtschaftliche Aufgaben zu erfüllen; — das ganze Zunftwesen ist ja 
von diesem Gedanken erfüllt, und die Zünfte haben den Associations- 
yedanken nach den verschiedensten Richtungen hin verwertet und aus- 
gebildet, — so ist doch in moderner Weise derselbe hauptsächlich 
angeregt. durch sozialistische Schriftsteller wie Saint-Simon und 
Enfantin, ganz besonders aber und allein mit unmittelbarer praktischer 
Bedeutung, von Robert Owen, der den Anstoss vor allen Dingen zu 
Versuchen mit Produktivassociationen aller Art, namentlich auf dem 
Lande, gab, dann aber den schon früher vorhandenen genossenschaft- 
lichen kleinen Kaufläden höhere allgemeinere Ziele steckte und ihnen 
dadurch zu einer besonderen Bedeutung verhalf. Dieser erste Auf- 
schwung des englischen Genossenschaftswesens fiel in der Hauptsache 
in die zwanziger und Anfang der dreissiger Jahre und erlosch zugleich 
mit der Chartistenbewegung, die andere Bahnen verfolgte. Erst in den 
vierziger Jahren stellte sich die Bewegung auf reale wirtschaftliche 
Grundlage und vermochte sich dann nachhaltig zu entfalten, wobei der 
Schwerpunkt auf die Konsumvereine gelegt wurde. In Frankreich 
ist die Bewegung in praktische Bahnen besonders von Buchez in den 
vierziger Jahren geleitet und gleichfalls zunächst in der Form kleiner 
Produktivgenossenschaften, während in der neueren Zeit die verschie- 
denen anderen Arten mehr in den Vordergrund getreten sind und eine 
hohe Bedeutung erlangt haben. In Deutschland sind die Anfänge 
Zrste prak- 
:äische Ver- 
suche.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.