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da jedes Mitglied ein vollgültiges Urteil als Sachverständiger hat oder
zu haben glaubt, jeder deshalb auch mit seiner Kritik nicht zurückhält,
Daher pflegen solche Vereine nur so lange zu gedeihen, als in dem
Vorstande Männer von hervorragender Intelligenz und Autorität die
Leitung in der Hand haben, denen sich die übrigen gerne unterwerfen.
Sie gehen dagegen ein, wenn diese ausscheiden und mittelmässigen
Leuten Platz machen. Es ist dies indessen nicht genug zu beklagen,
weil in diesen Associationen das beste Mittel zu finden ist, um in den
Zweigen des Handwerks, in denen die Handarbeit noch eine hervor-
ragende Rolle spielt, die Selbständigkeit und damit das Handwerk selbst
zu erhalten, weil es dadurch imstande ist, sich Vorteile des Grossbe-
;riebes anzueignen.
Auf dem gleichen Boden stehen die landwirtschaftlichen Ge-
aossenschaften, welche den gemeinsamen Verkauf von Getreide, Butter
and ähnlichen Produkten der Landwirtschaft unternehmen.
Werkgenossen- Kine Ergänzung zu den letzterwähnten Vereinen bilden die so-
schaften. genannten Werkgenossenschaften, wie sie die alten Zünfte bereits
kannten, indem die Maurer sich vereinigten, um gemeinsam Ziegel her-
zustellen, die Tuchmacher Walkmühlen zur Benutzung durch alle Mit-
glieder der Zunft errichteten. Gerade in der neueren Zeit wäre ein
solches Vorgehen von Seiten der Handwerker ungemein am Platze,
wo der kleine, selbständige Mann die für ihn notwendigen Maschinen
für sich allein nicht anschaffen kann, weil er sie nicht genügend aus-
zunutzen vermag. Ganz anders, wenn eine grössere Zahl kleinerer Tisch-
ler sich z. B. eine Hobel- und Fräsmaschine ete. anschaffen, die allen
zugänglich sind, während sie jetzt darauf angewiesen bleiben, entweder
die Arbeit mühsam mit der Hand zu vollziehen, oder kanelierte Holz-
stücke aus einer Fabrik zu beziehen, oder sich das Ausfräsen gleich-
falls von einem Fabrikanten gegen Entgelt besorgen zu lassen. Aber
hier fehlt nur gar zu sehr der nötige Gemeingeist und die Unternehmungs-
lust. Die Landwirtschaft hat sich auch hierbei neuerdings dem Hand-
werk überlegen gezeigt, indem Vereine zur gemeinsamen Verwertung
von Maschinen, zur Haltung von Zugtieren und ähnliche gebildet
werden.
Die Baugenossenschaften, Dieselben haben die Aufgabe, einmal
den Beteiligten gute und billige Wohnungen zugänglich zu machen in
angemessener Gegend und unter Beachtung aller sanitären Erforder-
nisse, dann ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, eigene Häuser zu er-
langen und sich aus Mietern zu Besitzern emporzuschwingen.
Die Wohnungsnot der Arbeiterklasse ist gegenwärtig allgemein
als eine schwere, soziale wie wirtschaftliche Kalamität anerkannt, in-
dem namentlich in den grossen Städten bei der übermässigen "Teuerung
der Wohnungen der Arbeiter, wie überhaupt der unbemittelte Mann,
der Subalternbeamte, der kleine Handwerker und Kaufmann sich ge-
nötigt sieht, sich mit zu wenig Raum zu begnügen und diesen bald im
Keller, bald unter dem Dach zu suchen, wo die Gesundheit bald durch
Kälte, bald durch Hitze, Mangel an frischer Luft und Licht beein-
trächtigt wird. Es ist deshalb allgemein von Staat und Gesellschaft
als unabweisbar anerkannt, hier Abhülfe zu schaffen. Die Selbsthülfe
kommt in betracht durch Gründung einerseits von Aktiengesellschaften
mit. mehr oder weniger gemeinnützigem Charakter, dann durch Grün-