Full text : Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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da jedes Mitglied ein vollgültiges Urteil als Sachverständiger hat oder
zu haben glaubt, jeder deshalb auch mit seiner Kritik nicht zurückhält,
Daher pflegen solche Vereine nur so lange zu gedeihen, als in dem
Vorstande Männer von hervorragender Intelligenz und Autorität die
Leitung in der Hand haben, denen sich die übrigen gerne unterwerfen.
Sie gehen dagegen ein, wenn diese ausscheiden und mittelmässigen
Leuten Platz machen. Es ist dies indessen nicht genug zu beklagen,
weil in diesen Associationen das beste Mittel zu finden ist, um in den
Zweigen des Handwerks, in denen die Handarbeit noch eine hervorragende
 Rolle spielt, die Selbständigkeit und damit das Handwerk selbst
zu erhalten, weil es dadurch imstande ist, sich Vorteile des Grossbe-;riebes
 anzueignen.
Auf dem gleichen Boden stehen die landwirtschaftlichen Geaossenschaften,
 welche den gemeinsamen Verkauf von Getreide, Butter
and ähnlichen Produkten der Landwirtschaft unternehmen.
Werkgenossen- Kine Ergänzung zu den letzterwähnten Vereinen bilden die soschaften.
 genannten Werkgenossenschaften, wie sie die alten Zünfte bereits
kannten, indem die Maurer sich vereinigten, um gemeinsam Ziegel herzustellen,
 die Tuchmacher Walkmühlen zur Benutzung durch alle Mitglieder
 der Zunft errichteten. Gerade in der neueren Zeit wäre ein
solches Vorgehen von Seiten der Handwerker ungemein am Platze,
wo der kleine, selbständige Mann die für ihn notwendigen Maschinen
für sich allein nicht anschaffen kann, weil er sie nicht genügend auszunutzen
 vermag. Ganz anders, wenn eine grössere Zahl kleinerer Tischler
 sich z. B. eine Hobel- und Fräsmaschine ete. anschaffen, die allen
zugänglich sind, während sie jetzt darauf angewiesen bleiben, entweder
die Arbeit mühsam mit der Hand zu vollziehen, oder kanelierte Holzstücke
 aus einer Fabrik zu beziehen, oder sich das Ausfräsen gleichfalls
 von einem Fabrikanten gegen Entgelt besorgen zu lassen. Aber
hier fehlt nur gar zu sehr der nötige Gemeingeist und die Unternehmungslust.
 Die Landwirtschaft hat sich auch hierbei neuerdings dem Handwerk
 überlegen gezeigt, indem Vereine zur gemeinsamen Verwertung
von Maschinen, zur Haltung von Zugtieren und ähnliche gebildet
werden.
Die Baugenossenschaften, Dieselben haben die Aufgabe, einmal
den Beteiligten gute und billige Wohnungen zugänglich zu machen in
angemessener Gegend und unter Beachtung aller sanitären Erfordernisse,
 dann ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, eigene Häuser zu erlangen
 und sich aus Mietern zu Besitzern emporzuschwingen.
Die Wohnungsnot der Arbeiterklasse ist gegenwärtig allgemein
als eine schwere, soziale wie wirtschaftliche Kalamität anerkannt, indem
 namentlich in den grossen Städten bei der übermässigen "Teuerung
der Wohnungen der Arbeiter, wie überhaupt der unbemittelte Mann,
der Subalternbeamte, der kleine Handwerker und Kaufmann sich genötigt
 sieht, sich mit zu wenig Raum zu begnügen und diesen bald im
Keller, bald unter dem Dach zu suchen, wo die Gesundheit bald durch
Kälte, bald durch Hitze, Mangel an frischer Luft und Licht beeinträchtigt
 wird. Es ist deshalb allgemein von Staat und Gesellschaft
als unabweisbar anerkannt, hier Abhülfe zu schaffen. Die Selbsthülfe
kommt in betracht durch Gründung einerseits von Aktiengesellschaften
mit. mehr oder weniger gemeinnützigem Charakter, dann durch Grün-
            
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