Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

physische Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen hat, Bildung mehr für 
schädlich als nützlich ansieht, verkennt man, nach dem schon oben 
Gesagten, den natürlichen Drang zum Fortschritt. Erkannte doch schon 
Jean Jaques Rousseau, dessen Ideal der „homme sauvage“ war, 
dass ein Zurückschrauben oder Aufhalten der Bildung nicht mehr mög- 
lich, nachdem die abschüssige Bahn betreten, dass nur ein weiteres 
Aufwärtsstreben möglich sei. 
Die zweite Aufgabe, die sich daher aus der angedeuteten GefahrNotwendigkeit 
ergiebt, geht dahin, die Leistungsfähigkeit in möglichst gleicher W eisewirtschaftlicher 
zu entwickeln wie die Genussfähigkeit und dieselben nicht mit einander Schulung. 
in Konflikt zu bringen. Deshalb ist es unbedingt erforderlich die 
Schulung so zu gestalten, dass auch die wirtschaftliche Schaffenskraft 
entsprechend gefördert wird. Es wird nicht unter allen Umständen die 
Erhöhung der Schulbildung am Platze sein, sondern nur da, wo die wirt- 
schaftlichen Verhältnisse , insbesondere der gesamte Wohlstand hierzu die 
aötige Grundlage bieten. Es genügt nicht die Elemente zu lehren, sondern 
der Unterricht muss sich, wenn auch natürlich nicht immer in derselben 
Schule, auch praktische Aufgaben stellen, Die Bildung muss sich den prak- 
äischen Bedürfnissen anpassen. Die höhere Schulbildung fördert durchaus 
nicht bei Jedem die wirtschaftliche Schaffenskraft und kann deshalb sehr 
leicht für denBetreffenden zum Unheil ausschlagen, wenn er dadurch nur 
lie Steigerung seiner Lebensansprüche erfährt, ohne nun auch die Befrie- 
digungsmittel mit seiner Bildung erarbeiten zu können. An diesem Missver- 
hältnis leidet insbesondere Deutschland. Kein Land laboriert in dem 
Masse an einem gebildeten Proletariat, als gerade dieses. Man versteht 
es zum Beispiel in England oder Amerika nicht, wie es zu viel hoch- 
gebildete Menschen geben könne, weil dort für Jeden leicht ein 
passender Platz zu finden ist, In Deutschland kann darüber kein 
Zweifel sein, dass es zu viele höher, besonders akademisch gebildete Leute 
giebt, denn unsere Universitäten gewähren hauptsächlich eine Fach- 
bildung, die nur an bestimmten Stellen verwertet werden kann, und 
diese Stellen sind in sehr beschränkter Zahl vorhanden. Die Ueber- 
zähligen erreichen ein unverhältnismässig hohes Alter, bevor sie eine 
angemessene Stellung finden, oder sind gar genötigt mit Subaltern- 
stellen vorlieb zu nehmen, um ihr Leben zu fristen, Die Folge ist 
naturgemäss Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Verhält- 
3issen. In gleicher Weise ist die Entwicklung der sozialen Frage auf 
ein Missverhältnis zwischen den Lebensansprüchen und den Befriedi- 
gungsmitteln in der unteren Klasse zurückzuführen. Die Bildung der- 
selben ist zu häufig H albbildung und entbehrt des Gegengewichts an 
Charakter und religiösem Sinn. Daher die Ausartung in Klassenhass 
gegen die besser Situierten, die Haltlosigkeit, die sich in der Neigung 
bekundet, vagen Utopien nachzujagen, reichen materiellen Unterhalt zu 
erreichen ohne Arbeit, in der Hoffnung Glück, Befriedigung zu finden 
im blossen Geniessen, Das Misverhältnis bekundet sich in trauriger 
Weise in der bedenklichen Steigerung der Selbstmorde, die nirgends 
50 Stark zu Tage tritt als in Deutschland. Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, dass hier dem Staate, wie allerdings ebenso der gebildeten Klasse, 
weitgehende Aufgaben gestellt sind ; und es ergiebt sich daraus, dass die 
Volkswirtschaftspolitik vor allem in bezug auf die soziale Frage sich nicht 
allein auf die Erörterung rein wirtschaftlicher Fragen heschränken kann. 
as gebildete 
Proletariat.
	        
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