physische Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen hat, Bildung mehr für
schädlich als nützlich ansieht, verkennt man, nach dem schon oben
Gesagten, den natürlichen Drang zum Fortschritt. Erkannte doch schon
Jean Jaques Rousseau, dessen Ideal der „homme sauvage“ war,
dass ein Zurückschrauben oder Aufhalten der Bildung nicht mehr mög-
lich, nachdem die abschüssige Bahn betreten, dass nur ein weiteres
Aufwärtsstreben möglich sei.
Die zweite Aufgabe, die sich daher aus der angedeuteten GefahrNotwendigkeit
ergiebt, geht dahin, die Leistungsfähigkeit in möglichst gleicher W eisewirtschaftlicher
zu entwickeln wie die Genussfähigkeit und dieselben nicht mit einander Schulung.
in Konflikt zu bringen. Deshalb ist es unbedingt erforderlich die
Schulung so zu gestalten, dass auch die wirtschaftliche Schaffenskraft
entsprechend gefördert wird. Es wird nicht unter allen Umständen die
Erhöhung der Schulbildung am Platze sein, sondern nur da, wo die wirt-
schaftlichen Verhältnisse , insbesondere der gesamte Wohlstand hierzu die
aötige Grundlage bieten. Es genügt nicht die Elemente zu lehren, sondern
der Unterricht muss sich, wenn auch natürlich nicht immer in derselben
Schule, auch praktische Aufgaben stellen, Die Bildung muss sich den prak-
äischen Bedürfnissen anpassen. Die höhere Schulbildung fördert durchaus
nicht bei Jedem die wirtschaftliche Schaffenskraft und kann deshalb sehr
leicht für denBetreffenden zum Unheil ausschlagen, wenn er dadurch nur
lie Steigerung seiner Lebensansprüche erfährt, ohne nun auch die Befrie-
digungsmittel mit seiner Bildung erarbeiten zu können. An diesem Missver-
hältnis leidet insbesondere Deutschland. Kein Land laboriert in dem
Masse an einem gebildeten Proletariat, als gerade dieses. Man versteht
es zum Beispiel in England oder Amerika nicht, wie es zu viel hoch-
gebildete Menschen geben könne, weil dort für Jeden leicht ein
passender Platz zu finden ist, In Deutschland kann darüber kein
Zweifel sein, dass es zu viele höher, besonders akademisch gebildete Leute
giebt, denn unsere Universitäten gewähren hauptsächlich eine Fach-
bildung, die nur an bestimmten Stellen verwertet werden kann, und
diese Stellen sind in sehr beschränkter Zahl vorhanden. Die Ueber-
zähligen erreichen ein unverhältnismässig hohes Alter, bevor sie eine
angemessene Stellung finden, oder sind gar genötigt mit Subaltern-
stellen vorlieb zu nehmen, um ihr Leben zu fristen, Die Folge ist
naturgemäss Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Verhält-
3issen. In gleicher Weise ist die Entwicklung der sozialen Frage auf
ein Missverhältnis zwischen den Lebensansprüchen und den Befriedi-
gungsmitteln in der unteren Klasse zurückzuführen. Die Bildung der-
selben ist zu häufig H albbildung und entbehrt des Gegengewichts an
Charakter und religiösem Sinn. Daher die Ausartung in Klassenhass
gegen die besser Situierten, die Haltlosigkeit, die sich in der Neigung
bekundet, vagen Utopien nachzujagen, reichen materiellen Unterhalt zu
erreichen ohne Arbeit, in der Hoffnung Glück, Befriedigung zu finden
im blossen Geniessen, Das Misverhältnis bekundet sich in trauriger
Weise in der bedenklichen Steigerung der Selbstmorde, die nirgends
50 Stark zu Tage tritt als in Deutschland. Es kann keinem Zweifel
unterliegen, dass hier dem Staate, wie allerdings ebenso der gebildeten Klasse,
weitgehende Aufgaben gestellt sind ; und es ergiebt sich daraus, dass die
Volkswirtschaftspolitik vor allem in bezug auf die soziale Frage sich nicht
allein auf die Erörterung rein wirtschaftlicher Fragen heschränken kann.
as gebildete
Proletariat.