Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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willige Aufgabe der Selbständigkeit; im Ganzen eine weit grössere 
Reife und Intelligenz der Beteiligten, als für die bisher betrachteten 
Associationen. Auf dieses letztere Moment ist der Schwerpunkt zu 
legen. Bei jedem Grossbetriebe — und diese sind bei einer modernen 
Entwickelung unseres Gewerbewesens naturgemäss hauptsächlich in 
Aussicht zu nehmen, — ist unter scharfer Ausbildung der Arbeits- 
teilung und Differenzierung der Arbeit ein erheblicher Gegensatz 
zwischen den Leitern des Unternehmens, z. B. einer Fabrik, dem 
Beamtenpersonal mit höherer Bildung und der grossen Masse ge- 
lernter und ungelernter Arbeiter unvermeidlich. Sollen die letzteren 
auf den Geschäftsgewinn den vollen Anspruch haben, und auf der 
anderen Seite das Risiko voll und ganz mittragen, so muss ihnen 
auch ein entsprechender Einfluss auf den Gang des Unternehmens 
eingeräumt werden. Sie werden darauf nicht verzichten wollen und 
auch nicht verzichten können. Nun ergeben sich ‚bereits bei den 
Aktiengesellschaften ganz ausserordentliche Schwierigkeiten daraus, 
dass häufig die Generalversammlung der Aktionäre aus Leuten be- 
steht, denen das tiefere Verständnis für das betreffende Geschäft 
abgeht, und deshalb Beschlüsse gefasst werden, die unzweckmässig 
sind, und dass die Thätigkeit der Direktion falsch beurteilt wird. 
So ist die Direktion in der Leitung fortdauernd durch die Rück- 
sicht auf die Anschauungen der Generalversammlungen in hohem Masse 
gebunden und in der Wirksamkeit behindert. In wieviel höherem 
Masse wird dieses nun bei einer Produktivassociation mit einer Gene- 
ralversammlung von Arbeitern der Fall sein! Das Unternehmen wird 
nur dann dabei gedeihen können, wenn der Geschäftsgang ein ausser- 
ordentlich gleichmässiger und einfacher ist, so dass die Kontrolle 
erleichtert und die Arbeiter Verständnis und Uebersicht dafür zu ge- 
winnen vermögen und wenig Kapital erforderlich ist. Das alles trifft 
in reichem Masse bei dem Handwerk zu, auch da, wo es sich zum 
Grossbetriebe zu entwickeln beginnt, aber absolut nicht bei einer Fabrik 
und auch nicht bei einer grösseren Gutswirtschaft. Deshalb sind die 
Chancen des Gedeihens bei Produktivassociationen von Handwerkern 
ausserordentlich günstige. In einer Schneiderassociation wird ein Meis- 
ter durch Wahl an die Spitze gestellt, um mit den Kunden zu ver- 
kehren, Mass zu nehmen, eventuell den Vorrat an Tuchen auszuwählen 
und fertige Stücke anzupassen, während ein Anderer die Buch- und 
Kassenführung übernimmt, eine Anzahl kleiner Meister aber an Ort 
und Stelle oder in Heimarbeit die ihnen übertragenen Näharbeiten aus- 
führen. Aehnlich bei einer Tischlerassociation ete. In der That sind 
auch in den fünfziger Jahren’auf Grund der von Schulze-Delitzsch ein- 
yeleiteten Handwerkerbewegung solche Handwerkerassociationen in 
grösserer Zahl aufgetreten und tauchen bis zum heutigen Tage wieder 
und immer wieder auf, um aber fast sämtlich in nicht zu langer Zeit 
wieder einzugehen. Diese Erscheinung ist überans bezeichnend und 
lehrreich, dass die Form der Produktivassociation selbst da nur ganz 
ausnahmsweise Platz zu greifen und sich zu erhalten vermag, wo alle 
Bedingungen dafür so geeignet als irgend möglich sind. Es ist das 
Streben nach Selbständigkeit, das in unserem Bürgerstande zu schr 
entwickelt ist, dass insbesondere jeder tüchtige Mann, der das Bewusst- 
sein hat. mehr leisten zu können, als die grosse Masse, eben auch diese 
Handwerker- 
168071ationen.
	        
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