217
willige Aufgabe der Selbständigkeit; im Ganzen eine weit grössere
Reife und Intelligenz der Beteiligten, als für die bisher betrachteten
Associationen. Auf dieses letztere Moment ist der Schwerpunkt zu
legen. Bei jedem Grossbetriebe — und diese sind bei einer modernen
Entwickelung unseres Gewerbewesens naturgemäss hauptsächlich in
Aussicht zu nehmen, — ist unter scharfer Ausbildung der Arbeits-
teilung und Differenzierung der Arbeit ein erheblicher Gegensatz
zwischen den Leitern des Unternehmens, z. B. einer Fabrik, dem
Beamtenpersonal mit höherer Bildung und der grossen Masse ge-
lernter und ungelernter Arbeiter unvermeidlich. Sollen die letzteren
auf den Geschäftsgewinn den vollen Anspruch haben, und auf der
anderen Seite das Risiko voll und ganz mittragen, so muss ihnen
auch ein entsprechender Einfluss auf den Gang des Unternehmens
eingeräumt werden. Sie werden darauf nicht verzichten wollen und
auch nicht verzichten können. Nun ergeben sich ‚bereits bei den
Aktiengesellschaften ganz ausserordentliche Schwierigkeiten daraus,
dass häufig die Generalversammlung der Aktionäre aus Leuten be-
steht, denen das tiefere Verständnis für das betreffende Geschäft
abgeht, und deshalb Beschlüsse gefasst werden, die unzweckmässig
sind, und dass die Thätigkeit der Direktion falsch beurteilt wird.
So ist die Direktion in der Leitung fortdauernd durch die Rück-
sicht auf die Anschauungen der Generalversammlungen in hohem Masse
gebunden und in der Wirksamkeit behindert. In wieviel höherem
Masse wird dieses nun bei einer Produktivassociation mit einer Gene-
ralversammlung von Arbeitern der Fall sein! Das Unternehmen wird
nur dann dabei gedeihen können, wenn der Geschäftsgang ein ausser-
ordentlich gleichmässiger und einfacher ist, so dass die Kontrolle
erleichtert und die Arbeiter Verständnis und Uebersicht dafür zu ge-
winnen vermögen und wenig Kapital erforderlich ist. Das alles trifft
in reichem Masse bei dem Handwerk zu, auch da, wo es sich zum
Grossbetriebe zu entwickeln beginnt, aber absolut nicht bei einer Fabrik
und auch nicht bei einer grösseren Gutswirtschaft. Deshalb sind die
Chancen des Gedeihens bei Produktivassociationen von Handwerkern
ausserordentlich günstige. In einer Schneiderassociation wird ein Meis-
ter durch Wahl an die Spitze gestellt, um mit den Kunden zu ver-
kehren, Mass zu nehmen, eventuell den Vorrat an Tuchen auszuwählen
und fertige Stücke anzupassen, während ein Anderer die Buch- und
Kassenführung übernimmt, eine Anzahl kleiner Meister aber an Ort
und Stelle oder in Heimarbeit die ihnen übertragenen Näharbeiten aus-
führen. Aehnlich bei einer Tischlerassociation ete. In der That sind
auch in den fünfziger Jahren’auf Grund der von Schulze-Delitzsch ein-
yeleiteten Handwerkerbewegung solche Handwerkerassociationen in
grösserer Zahl aufgetreten und tauchen bis zum heutigen Tage wieder
und immer wieder auf, um aber fast sämtlich in nicht zu langer Zeit
wieder einzugehen. Diese Erscheinung ist überans bezeichnend und
lehrreich, dass die Form der Produktivassociation selbst da nur ganz
ausnahmsweise Platz zu greifen und sich zu erhalten vermag, wo alle
Bedingungen dafür so geeignet als irgend möglich sind. Es ist das
Streben nach Selbständigkeit, das in unserem Bürgerstande zu schr
entwickelt ist, dass insbesondere jeder tüchtige Mann, der das Bewusst-
sein hat. mehr leisten zu können, als die grosse Masse, eben auch diese
Handwerker-
168071ationen.