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seine Leistungsfähigkeit selbständig und zu seinem eigenen Nutzen,
nicht aber behindert durch Andere und in der Hauptsache für Andere
aufwenden will. Daher ist es so ausserordentlich schwer, für solche
Versuche tüchtige Kräfte zur Leitung zu gewinnen, weil diese sich
dazu nicht hergeben mögen, und die Unternehmungen unter mittel-
mässiger Leitung natürlich keine Bedeutung zu gewinnen vermögen.
Fabrik-Prod.- Wenn schon hier die Produktivassociationen eine weitere Be-
Assoc, und deutung nicht zu erlangen vermochten, wieviel weniger wird dieses bei
A Un Fabrikunternehmungen und bei dem landwirtschaftlichen Grossbetriebe
urchführbar- © 7. . er . x . . .
keit, Möglich sein. In gänzlicher Verkennung der Schwierigkeit der Betriebs-
leitung und den Ansprüchen an die Leistungsfähigkeit, welche für die
Leitung eines grossen Unternehmens erforderlich ist, meinte allerdings
Lassalle und meinen noch jetzt eine grosse Zahl der sozialistischen
Führer, dass der Arbeiter selbst die Geschäftsführung in die Hand
zu nehmen vermöge. Hat doch vor wenig Jahren Liebknecht in einer
Arbeiterversammlung erklärt: „Wir brauchen die Herren Stumm und
Genossen nicht, wir können ohne sie fertig werden.“ Die Verstän-
Jdigeren unter ihnen erkennen natürlich an, dass die Führung grosser
Unternehmungen eine besondere Fachbildung und aussergewöhnliche
Geschäftsumsicht verlangt, die der einfache Arbeiter nicht haben kann.
Der Gedanke liegt nahe, hierfür Direktoren zu wählen, wie das bei den
Aktiengesellschaften geschieht. Wir haben oben bereits auf die Be-
denken dagegen hingewiesen. Genau ebenso liegen die Sachen in der
Landwirtschaft. Das Streben, auch dort die Produktivassociationen zu
verallgemeinern, wie Kautsky, Oppenheimer und andere es thun, ent-
springt einer Unterschätzung der Bedeutung des landwirtschaftlichen
Kleinbetriebes, welcher gerade durch die neuere volkswirtschaftliche
Entwicklung wesentlich in den Vordergrund gestellt ist. Es ist viel-
mehr als die Aufgabe anzusehen, vor allem bei uns in Deutschland,
Bauerngüter herzustellen, die durch Associationen zur Anwendung von
Maschinen, edlem Zuchtmaterial, Beschaffung gleichartiger Saat und
gemeinsamer Verarbeitung der Rohprodukte sich die Vorteile des Gross-
oetriebes aneignen, was natürlich etwas ganz anderes ist und von
Gschwind in Oberwil in Baselland in interessanter Weise versucht ist.
‘:Herkner, Arbeiterfrage, 2. Aufl., S. 195.)
Die Beschaffung des erforderlichen Kapitals wird natürlich stets
eine erhebliche Schwierigkeit für die Gründung von Produktivgenossen-
schaften bilden. Wäre jedoch von denselben wesentliches zu erhoffen,
so würde die Forderung Lassalles eines Staatsvorschusses durchaus
nicht von der Hand zu weisen sein. Aber diese Aussichten sind, wie
wir nachzuweisen suchten, ausserordentlich gering. Zu den erwähnten
Gefahr un- Schwierigkeiten treten noch die der schwankenden Konjunkturen, die
zünstiger Kon-sg viele Bankrotte herbeiführen. Lassalle setzte sich über dieselben
kankturen, ;n der Art Münchhausens hinweg, indem er behauptete, dass der Ver-
lust des einen Unternehmens nur durch die erfolgreiche Konkurrenz
anderer herbeigeführt werde; sobald nun die verschiedenen Unterneh-
mungen derselben Branche unter einen Hut gebracht würden, so gleiche
sich dieses aus, wie ein grosses Schiff, das zugleich zwei Meereswogen
durchschneide, den Schwankungen der Wellen überhoben sei. Seit der
Zeit der Wirksamkeit Lassalles sind nun die Schiffskörper in ausser-
ordentlicher Weise vergrössert, gleichwohl haben sie die Schwankungen