Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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verwaltern, Ingenieuren, Buchhaltern ete. längst gewährt wird. Der 
Arbeiter hat vielmehr einen Ioohn nach seiner ihm aufgetragenen und 
von ihm ausgeführten Leistung zu beanspruchen, gleichviel ob sie dem 
Geschäfte einen Gewinn brachte oder nicht. Die gleiche Leistung bean- 
sprucht den gleichen Lohn; wie die Leistung von dem Unternehmer ver- 
wertet wird, ist für den Arbeiter gleichgültig, oder sollte ihn doch 
pekuniär nicht berühren. Wie er nur für die Exaktheit der Ausführung 
des ihm gewordenen Auftrages verantwortlich gemacht werden kann, 
nicht aber für die weitere wirtschaftliche Wirkung desselben, so muss 
ihm auch möglichst das mit dem Unternehmen verbundene Risiko ab- 
genommen, aber nicht in besonderer Weise durch die Teilnehmerschaft 
am Reingewinn aufgebürdet werden. 
Der Messingfabrikant Borchert, der auf Veranlassung des Wirtschaftlich 
Statistikers E. Engel in seiner Fabrik allein aus humanitärer Rück- unberechtigt. 
sicht, die Teilnehmerschaft am Reingewinn eingeführt hatte, hob die- 
selbe nach einigen Jahren wieder auf, als er auf Grund einer ver- 
fehlten Spekulation einen Jahresabschluss mit einem erheblichen 
Defizit erzielte, und motivierte sein Vorgehen indem er den Arbeitern 
ungefähr sagte: Was könnt Ihr dafür, dass ich das Rohmaterial im 
Grossen zu teuer eingekauft habe, weil ich auf ein Heraufgehen der 
Preise rechnete, während es thatsächlich im Preise sank, so dass ich für 
die fertigen Waren nicht so viel zu erlangen vermochte, als zur Deckung 
der Herstellungskosten erforderlich war, da die Konkurrenten richtiger 
die Verhältnisse berechnet hatten und daher die Ware billiger liefern 
konnten als ich. Diese Spekulation war aber für das Endergebnis des 
Geschäftsjahres bedeutsamer als Eure ganze Thätigkeit und es wäre 
ein Unrecht, Euch darunter leiden zu lassen. — Infolgedessen be- 
seitigte der arbeiterfreundliche Mann die bisherige Einrichtung der 
Teilnehmerschaft am Reingewinn und führte dafür eine Prämienzahlung 
nach Massgabe der abgelieferten Waren an die Gesamtheit der Arbeiter- 
schaft ein. Dieses Verfahren entspricht unzweifelhaft den volkswirt- 
schaftlichen Bedürfnissen. 
Die gebräuchliche Lohnzahlung nach Stück oder Zeit ist die den 
rechtlichen wie wirtschaftlichen Verhältnissen des Arbeiters durchaus 
angepasste und entsprechende. Daraus ergiebt sich wieder, dass eine 
allgemeine Einführung der Teilnehmerschaft am Reingewinn falsch 
und unthunlich ist, weil sie ungerechtfertigt ist und den Arbeiter 
schlechter stellen würde, als er gegenwärtig dasteht. Damit ist aber 
nicht gesagt, dass sie nicht ausnahmsweise durchaus am Platze ist, 
wenn auch nur in der Form eines Bonus, das ist eines KExtra- 
geschenkes und einer Ergänzung zu dem bisher gezahlten Lohne, nicht 
aber als Ersatz für denselben. Der Bonus kann dabei sehr wohl 
von eben solcher Bedeutung, ja vielleicht von noch höherer für den 
Arbeitgeber sein, als für den Arbeitnehmer. Die Einrichtung ist dann 
nicht aufzufassen als eine ausschliessliche Wohlthat für den Arbeiter, 
sondern als ein Mittel, den Arbeiter in besonderer Weise an das Ge- 
schäft zu fesseln, und sein Interesse mit dem Gang des Unternehmens 
derartig zu verbinden, dass er sich veranlasst sieht, mehr und sorg- 
fältiger zu arbeiten, und dem Unternehmen treu zu bleiben. 
Die Voraussetzung dabei ist aber, dass der Arbeiter die nötige 
Reife erlangt hat, um sein eiyvenes Interesse richtig zu übersehen und
	        
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