Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

brach sich daher die Auffassung Bahn, dass hier eine höhere AutoritätDie Auffassung 
eintreten müsse, um dem Schwächeren Schutz zu gewähren, uud dass der ver- 
dieses nur die Staatsgewalt sein könne. Man erkannte, dass es für die a 
Kulturentwickelung nicht nur darauf ankomme, die Produktion zu Schule, 
fördern, sondern dass die Verteilung des Nationalertrages für dieselbe 
von höchster Wichtigkeit sei und eine besondere Beachtung von Staat 
und Gesellschaft erheische Aber wie es in der menschlichen Natur 
liegt, ist_man in der Reaktion gegen das Freihandelssystem sofort in 
das andere Extrem verfallen. Die neuere Generation hat die Schatten- 
zeiten des Polizeistaates nicht kennen gelernt und ist geneigt, sie zu 
unterschätzen, daher zur Beseitigung der zu Tage tretenden Uebel 
überall sein Eingreifen zu verlangen, ohne die Nachteile zu beachten, 
welche die entsprechende Beschränkung der individuellen Freiheit in 
sich schliesst. Was vor zwei Jahrhunderten noch am Platze war, wo 
die Masse der Bevölkerung in Lethargie verharrte, und es ihr an Unter- 
nehmungsgeist und den nötigen Mitteln fehlte, selbst die Initiative zu 
argreifen, kann heutigen Tages bei dem erwachten Selbstbewusstsein, 
lem Unabhängigkeitstrieb jedes Einzelnen bis in die untersten Klassen 
herunter, der Intelligenz Aller unmöglich richtig sein. Die Kompli- 
ziertheit des wirtschaftlichen Organismus zieht der Staatseinwirkung 
bestimmte Grenzen. Man überschätzt die Macht des Staates privatwirt- 
schaftlich zu helfen und macht ihn für das Wohl und Weheder Einzelnen ver- 
antwortlich, führt dadurch zur Erschlaffung der Selbstthätigkeit und 
Abschwächung des Gefühls der Selbstverantwortlichkeit, während 
zugleich dadurch die Unzufriedenheit mit den Staatseinrichtungen .un- 
degründeter Weise geschürt wird. Sache der Wissenschaft ist es, hier 
den rechten Weg ausfindig zu machen, um die Extreme zu vermeiden. 
Es gilt das Problem zu lösen, unter Wahrung der individuellen Frei- 
heit und Selbstverantwortlichkeit der Einzelnen, doch den Schwächeren 
im wirtschaftlichen Kampfe zu schützen; ferner in erster Linie die 
zesamte Kultur zu fördern und bei jedem Gegensatze zwischen Ge- 
3amtwohl und Einzelinteresse unbedingt das Letztere dem Erstern 
ünterzuordnen. Die Auffassung des Staates ist damit wieder eine 
höhere, idealere geworden; sie nähert sich mehr der altklassischen; 
doch sieht sie den Staat nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel 
an. Wie die Staatsgewalt dabei vorgehen muss, haben wir in allge- 
meinen Zügen in dem folgenden Paragraphen, im Einzelnen in der 
ganzen Schrift zu verfolgen. 
8 38. 
Die Grundprinzipien für die moderne Volkswirtschafts- 
politik. 
Um seine höheren Kulturzwecke zu verfolgen, hat der Staat die 
wirtschaftliche Thätigkeit, wo sich die Notwendigkeit dazu ergeben 
hat, in folgender Weise zu beeinflussen: 
1. Durch die Gesetzgebung, um allgemeine Normen zu schaffen, Massregeln 
nach denen sich ein Jeder bei seiner wirtschaftlichen Thätigkeit zu des Staates 
"ichten hat, um .die Schädigung Anderer zu verhüten und damit zu-70r Wirtschaft) 
zleich die Geschäftssphäre jedes Einzelnen zu schützen. Ein Beispiel 5
	        
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