__ 334 —
zipiell wurde die Unterscheidung zwischen Rohstoffen, Halb- und Ganz-
fabrikaten in freihändlerischer Richtung durchgeführt, wodurch eben
der Schutz am wirksamsten erreicht werden konute. Im Tarif von
1821 war endlich Einheitlichkeit der Zölle für das ganze Land erreicht.
Zugleich wurde noch in stärkerem Masse als 1818 die Erhebung nach
spezifischen Zöllen durchgeführt. Ausfuhrzölle waren vermindert und
die Sätze um drei Viertel ermässigt, aber man war noch nicht in der
Lage, sie fallen zu lassen. Namentlich ist ein Ausfuhrzoll auf Flachs
Jlamals als unerlässlich anerkannt.
Die Tarife von 1818 und 21 sind mit vollem Rechte als epoche-
machende für die Entwicklung der deutschen Zollpolitik hingestellt.
Ja der Schritt bat weit über die Grenzen des Landes hinaus gewirkt,
Er machte um so tieferen Eindruck, weil er den F orderungen der
damaligen Wissenschaft gerecht wurde, während alle Grosstaaten wie
England und Frankreich sich dazu noch nicht emporschwingen konnten,
sondern noch völlig in dem alten Prohibitivsystem befangen blieben. Jene
Tarife sind entschieden als freihändlerische aufzufassen, wenn auch nicht
im radikal Smithschen Sinne. Sie enthielten allerdings noch eine Anzahl
hoher Tarifsätze und waren angethan, einen wirksamen Schutz für ver-
schiedene Produktionszweige durchzuführen. Hat er sich für einzelne,
z. B. die Leinenindustrie nicht als ausreichend erwiesen, so begünstigte
ar doch überhaupt einen wesentlichen Aufschwung der gesamten In-
dustrie.
Zollvereinsbe- Das freihändlerische Vorgehen Preussens war natürlich von inten-
strebungen. sivem Kinfluss auch auf die übrigen deutschen Staaten, die ja
zum Teil von Preussen umschlossen waren. Da in denselben noch
teils extreme Schutz- und Prohibitivzölle existierten, so sahen sie sich
aus ihrer bisherigen Ruhe plötzlich aufgerüttelt, und man empfand
dies als eine grosse Rücksichtslosigkeit, der man nach Kräften ent-
gegen zu wirken trachtete. Das einzige Mittel hierzu war die Bil-
dung von grösseren Zollterritorien, um damit Preussen einigermassen
gleichberechtigt gegenüber zu stehen, und dann der stärkere Anschluss
an Oesterreich, Da zu gleicher Zeit der wirtschaftliche Aufschwung
immer intensiver die Hemmnisse durch die vielen Zollschranken her-
vortreten liess, so wurden die Vereinigungsbestrebungen dadurch erheb-
lich unterstützt. 1819 gründete Friedrich List den deutschen Handels-
verein unter den deutschen Fabrikanten und Kaufleuten, um die Be-
seitigung der Binnenzölle von 38 Zolllinien, die Deutschland durch-
schnitten, durchzusetzen, welche, wie er sich ausdrückte, den Verkehr
im Innern lähmen und ungefähr dieselbe Wirkung hervorbringen, wie
wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit
ja das Blut nicht in ein anderes überfliesse, Diese Bewegung arbeitete
auch den preussischen Bestrebungen in die Hände, allmählich andere
deutsche Länder zu einer Zollvereinigung zu gewinnen, und damit vor
allem die eigenen Grenzen abzurunden und Zwischengrenzen zu be-
seitigen. 1819 schloss sich Schwarzburg-Sondershausen bereits
dem preussischen Zollgebiete an, 1828 Hessen-Darmstadt, dem
grosse Zugeständnisse sowohl in betreff der Anteilnahme an dem Zoll-
erträgnis, sowie in betreff des Einflusses auf Abänderung des Zolltarifs
gemacht wurden. Gleichfalls in dem Jahre 1828 bildete sich der süd-
deutsche Zollverein zwischen Bayern und Württemberg. Damit war