Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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vertrage mit Frankreich hatten sich beide Länder die Meistbegünsti- 
gung zugesichert. 
Nach der Gründung des deutschen Reiches ging der Zollverein 
auf das Reich über, Schon vorher war Schleswig-Holstein als 
preussische Provinz dem Zollverbande einverleibt, 1868 Mecklenburg 
und Lübeck. Erst am 1. Oktober 1888 traten auch Hamburg und 
Bremen in den Zollverband ein. 
Auch nach der Gründung des deutschen Reiches blieb zunächst die Zollpolitik des 
Freihandelsströmung bestehen. Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck deutschen 
hat noch in seiner Rede vom 22, November 1875 auch für Deutsch- Reichs. 
land den Uebergang zum britischen Zollsystem für das Erstrebens- 
werteste bezeichnet, d. h. die Beseitigung der Schutzzölle und die Kon- 
zentrierung des Zollsystems auf eine kleine Zahl Artikel, die grössere 
Erträge aufzubringen vermögen. Er stand noch ganz unter dem Ein- 
fluss des Ministers Rudolf Delbrück. Aber schon war, und zwar in 
allen in Betracht kommenden Ländern, gleichmässig eine schutzzöll- 
nerische Bewegung zu beobachten. Auf den enormen, unmnatürlichen 
Aufschwung der Industrie nach Beendigung des deutsch-französischen 
Krieges war sehr bald der unumgängliche Rückschlag eingetreten. Die 
exorbitant gesteigerten Preise hatten einen ebenso energischen Rück- 
schlag erfahren. Nach dem Wiener Krach von 1873 waren eine grosse 
Zahl von Banken und industriellen Unternehmungen zu Grunde ge- 
gangen, Bergwerke und Hochöfen zum Stillstande gebracht und die 
Arbeiterbevölkerung in Not gekommen. Dass gerade in dem Momente 
im Jahre 1873) die Beseitigung der Kisenzölle, welche auf Drängen 
der Landwirte geschehen war, schwer empfunden wurde, war begreif- 
lich und die sehr bedrängte Eisenindustrie suchte wenigstens die Er- 
mässigung der Zölle auf Eisenwaren, die geplant war, möglichst hinaus- 
uschieben, schliesslich zu verhindern. In der gleichen Weise agitierte 
die Textilindustrie für einen erhöhten Schutz und setzte eine Enquete 
über die Lage ihres Betriebszweiges durch, um denselben zu begründen. 
Eine wesentliche Unterstützung erhielt die Bewegung durch die Land- 
wirtschaft. Diese war bis dahin unbedingt freihändlerisch aufgetreten, 
da sie bisher hauptsächlich auf den Export angewiesen war, dagegen 
viele Importartikel gebrauchte, und zugleich die Preise in fortdauerndem 
Steigen begriffen waren, so konnte sie davon nur einen Vorteil haben. 
Als nun die Jandwirtschaftlichen Produkte im Preise bedeutend herunter 
gingen und zugleich der Import grössere Dimensionen annahm, fand ein 
vollständiger Umschlag in den Anschauungen statt. Die Vertreter der 
Landwirtschaft wurden nun begeisterte Schutzzöllner und verlangten 
vor allem Getreidezölle, sowie Erhöhung der Viehzölle und waren ge- 
neigt, der Industrie als Gegenleistung gleichfalls Zollerhöhungen zu con- 
cedieren. Im Oktober 1878 trat der Reichstag mit einer Resolution 
hervor, in welcher eine Aenderung des Zolltarifs für notwendig erklärt 
wurde; und noch im Dezember desselben Jahres veröffentlichte der 
Fürst Reichskanzler ein Schreiben, in dem er ein schutzzöllnerisches 
Programm aufstellte, welches damit motiviert wurde, dass das Reich 
gut thue, grössere Summen auf dem Wege der indirekten Besteuerung 
aufzubringen, und deshalb alle Waren ausser den notwendigsten Roh- 
stoffen mit einem Zoll belegt werden müssten. Dadurch sollte zugleich 
die gesamte Produktion dem Auslande gegenüber einen mässigen Schutz 
Conrad, Grundriss d, polit, Oekonomie. IL Teil. 2. Aufl an
	        
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