337 —
vertrage mit Frankreich hatten sich beide Länder die Meistbegünstigung
zugesichert.
Nach der Gründung des deutschen Reiches ging der Zollverein
auf das Reich über, Schon vorher war Schleswig-Holstein als
preussische Provinz dem Zollverbande einverleibt, 1868 Mecklenburg
und Lübeck. Erst am 1. Oktober 1888 traten auch Hamburg und
Bremen in den Zollverband ein.
Auch nach der Gründung des deutschen Reiches blieb zunächst die Zollpolitik des
Freihandelsströmung bestehen. Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck deutschen
hat noch in seiner Rede vom 22, November 1875 auch für Deutsch- Reichs.
land den Uebergang zum britischen Zollsystem für das Erstrebenswerteste
bezeichnet, d. h. die Beseitigung der Schutzzölle und die Konzentrierung
des Zollsystems auf eine kleine Zahl Artikel, die grössere
Erträge aufzubringen vermögen. Er stand noch ganz unter dem Einfluss
des Ministers Rudolf Delbrück. Aber schon war, und zwar in
allen in Betracht kommenden Ländern, gleichmässig eine schutzzöllnerische
Bewegung zu beobachten. Auf den enormen, unmnatürlichen
Aufschwung der Industrie nach Beendigung des deutsch-französischen
Krieges war sehr bald der unumgängliche Rückschlag eingetreten. Die
exorbitant gesteigerten Preise hatten einen ebenso energischen Rückschlag
erfahren. Nach dem Wiener Krach von 1873 waren eine grosse
Zahl von Banken und industriellen Unternehmungen zu Grunde gegangen,
Bergwerke und Hochöfen zum Stillstande gebracht und die
Arbeiterbevölkerung in Not gekommen. Dass gerade in dem Momente
im Jahre 1873) die Beseitigung der Kisenzölle, welche auf Drängen
der Landwirte geschehen war, schwer empfunden wurde, war begreiflich
und die sehr bedrängte Eisenindustrie suchte wenigstens die Ermässigung
der Zölle auf Eisenwaren, die geplant war, möglichst hinaususchieben,
schliesslich zu verhindern. In der gleichen Weise agitierte
die Textilindustrie für einen erhöhten Schutz und setzte eine Enquete
über die Lage ihres Betriebszweiges durch, um denselben zu begründen.
Eine wesentliche Unterstützung erhielt die Bewegung durch die Landwirtschaft.
Diese war bis dahin unbedingt freihändlerisch aufgetreten,
da sie bisher hauptsächlich auf den Export angewiesen war, dagegen
viele Importartikel gebrauchte, und zugleich die Preise in fortdauerndem
Steigen begriffen waren, so konnte sie davon nur einen Vorteil haben.
Als nun die Jandwirtschaftlichen Produkte im Preise bedeutend herunter
gingen und zugleich der Import grössere Dimensionen annahm, fand ein
vollständiger Umschlag in den Anschauungen statt. Die Vertreter der
Landwirtschaft wurden nun begeisterte Schutzzöllner und verlangten
vor allem Getreidezölle, sowie Erhöhung der Viehzölle und waren geneigt,
der Industrie als Gegenleistung gleichfalls Zollerhöhungen zu concedieren.
Im Oktober 1878 trat der Reichstag mit einer Resolution
hervor, in welcher eine Aenderung des Zolltarifs für notwendig erklärt
wurde; und noch im Dezember desselben Jahres veröffentlichte der
Fürst Reichskanzler ein Schreiben, in dem er ein schutzzöllnerisches
Programm aufstellte, welches damit motiviert wurde, dass das Reich
gut thue, grössere Summen auf dem Wege der indirekten Besteuerung
aufzubringen, und deshalb alle Waren ausser den notwendigsten Rohstoffen
mit einem Zoll belegt werden müssten. Dadurch sollte zugleich
die gesamte Produktion dem Auslande gegenüber einen mässigen Schutz
Conrad, Grundriss d, polit, Oekonomie. IL Teil. 2. Aufl an