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die Deutschen statt. Aber auch dieser Vorgang bezog sich nur auf die
grosse Masse der mittleren und geringeren Sorten. Die feineren Marken,
die ihres Absatzes stets sicher sind, haben vom ersten Momente an in
Deutschland dem Zoll entsprechend höher bezahlt werden müssen.
Ebenso war man später in der Lage, die Entwicklung bei den Schaum-
weinen zu verfolgen. Die gesuchtesten Marken Champagner wurden
sofort teurer bezahlt, die gewöhnlicheren leichteren Sorten, denen die
deutsche Schaumweinfabrikation wachsende Konkurrenz machten, wurden
noch Jahre hindurch zu den alten Preisen abgegeben. Dann umging
man den Zoll vielfach, indem auf deutschem Boden Filialen angelegt
wurden, die Trauben oder der Most von Frankreich über die Grenze
zebracht und hier mit dem gleichen Likör und in der alten fran-
„ösischen Weise behandelt und dann in Deutschland in Umsatz ge-
aracht wurden; und natürlich unter der französischen Marke. Ganz
;benso war die Wirkung der Eisenzölle. Als in Deutschland der
Eisenzoll von Neuem eingeführt wurde, war namentlich in England eine
Veberproduktion vorhanden. Man machte deshalb den deutschen Händ-
'ern Konzessionen. Als aber eine Anzahl Hochöfen ausgeblasen waren,
der heimische Bedarf sich entsprechend gehoben hatte, fiel es den Eng-
ländern nicht mehr ein, zwischen deutschen und anderen Händlern
einen Unterschied zu machen. Die Wirkung des Zolls fiel auf Deutsch-
land allein zurück.
Nun kann natürlich auf Grund einer Aenderung der Konjunk-
turen auch wieder eine Verschiebung jener Wirkung eintreten, indem
ein Druck auf die Preise ausgeübt wird, das Ausland eine Erweiterung
des Exports für unumgänglich notwendig hält und deshalb bestimmten
Absatzorten Rabatte gewährt, die dann nichts Anderes sind, als eine
Uebernahme des Zolles. Ebenso sicher ist es aber, dass dieses nur
vorübergehend stattfindet und ein Unterschied zwischen den Ländern
nur ausnahmsweise gemacht werden kann.
Getreidezölle, Genau so liegt die Frage auch bei den Getreidezöllen, wo
die verschiedenen Anschauungen mit besonderer Schärfe auf einander
geplatzt sind. Von vorne herein wird man sagen müssen, dass bei
einem notwendigen Lebensbedarf im allgemeinen das Land, welches
einen Zuschuss nötig hat, häufiger der schwächere Teil sein wird, als
das produzierende. Aber sehr richtig ist es, dass auch darin eine
Ueberproduktion Platz greifen kann und die Produktionsländer erheb-
liche Preiskonzessionen machen müssen, um überhaupt entsprechenden
Absatz zu haben. Hier wird offenbar zwischen den verschiedenen Ge-
treidearten ein Unterschied gemacht werden müssen. Bei dem Weizen
konkurrieren viel mehr Länder als beim Roggen, sowohl in betreff des
Bedarfes, wie in betreff der überschüssigen Produktion. Bei dem
Weizen spielt ein einzelnes Land, wie Deutschland dem Weltmarkte
gegenüber, nur eine ganz untergeordnete Rolle. Ob Deutschland einige
1000 Zentner Weizen mehr oder weniger gebraucht oder produziert,
übt auf den Weltmarktpreis keinen Einfluss. Wenn sich nun gar
herausstellt, dass der Zoll, wie das für Deutschland nachgewiesen ist,
gar keine Verminderung der Konsumtion, resp. des Bezuges an aus-
ländischer Ware veranlasst hat, so ist nicht abzusehen, wie die Auf-
legung eines Weizenzolles in Deutschland eine Preisverschiebung auf
lem Weltmarkte bewirken soll, da eine Aenderung des Verhält-