Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Ein Zoll auf Rohprodukte verteuert sämtlichen Produktions- 
zweigen ihr Material, welche dasselbe gebrauchen. Ein Zoll auf Eisen 
wird in jeder Maschinenbauanstalt gespürt, wie in der einfachsten 
Schmiede, und es giebt heutigen Tages kaum einen Produktionszweig, 
in dem Eisen nicht zur Verwendung gelangt, der also, wenn auch noch 
so gering, durch den Zoll berührt wird. Das Eisen tritt in den meisten 
Gewerbszweigen als Halbfabrikat auf, als Beschläge, Schlösser, Nägel etc. 
Diese Verwendung wirkt aber weiter auf diejenigen Fabrikationszweige, 
die fertige Waren liefern, wie Messer, Beile, Spaten, Dampf- und Näh- 
maschinen u. dergl. Diese gehen aber wieder als Hilfsmittel in andere 
Produktionszweige über, wie in die Landwirtschaft, die Baugewerbe, 
in Bergwerke, Spinnereien etc., bis schliesslich zu den Konsumenten, 
die hier so ziemlich die ganze Bevölkerung umfassen, 
Das Rohmaterial der Textilindustrie, Wolle, Baumwolle, Flachs 
geht zuerst in die Hand des Spinners, der den Wollzoll zu zahlen hat; 
das Garn, das er daraus herstellt, wird entsprechend verteuert. Er 
kann mit dem Auslande, welches keinen solchen Zoll hat, auf dem 
Weltmarke schwer konkurrieren, und ebenso im Inlande, wenn das 
Garn nicht einen Eingangszoll trägt. Damit wird auch dem Weber 
sein Material verteuert und er ist dadurch in der Konkurrenzfähigkeit 
geschwächt. Von ihm überträgt sich die Last mit der gleichen Wirkung 
auf den Konfektionär, resp. den Schneider und schliesslich auf die 
Kunden desselben. Auch hier ist eine grosse Zahl von Gewerbs- 
zweigen dadurch benachteiligt. Einen Vorteil von dem Woll- oder 
Flachszoll haben nur die betreffenden Landwirte, wie bei dem Eisenzoll 
die Bergwerke und Hochöfen. 
Da ein Zoll auf Rohmaterial eine so weitgehende Wirkung auf 
die verschiedensten Produktionszweige ausübt, ist derselbe ausserordent- 
lich schwer voraus zu berechnen, und Missgriffe sind dabei schwer zu 
vermeiden. Als im Reichstag ohne lange Vorbereitung die Einführung 
eines Zolles auf Flachs zu Gunsten des Leinbaues beschlossen wurde, 
gelang es den Vertretern der Wäscheindustrie besonders Berlins nach- 
zuweisen, dass dadurch die blühende Exportarbeit mit einem Schlage 
vernichtet sein würde, und dies veranlasste den Reichstag zu dem etwas 
beschämenden Entschluss, den Zoll wieder aufzuheben, bevor er in 
Kraft getreten war. Seit längerer Zeit ist von den landwirtschaftlichen 
Vereinen ein bedeutender Zoll auf rohe Wolle verlangt, um dem Rück- 
gang der deutschen Schafzucht entgegen zu wirken. Die Reichsregie- 
rung hat sich bisher, und wohl mit Recht, dazu nicht bewegen lassen, 
weil die damit verbundene Verteuerung des Rohmaterials die gesamte 
Wollenindustrie in erheblichem Masse treffen müsste. Gerade hier 
wirken die spezifischen Zölle, die man aus zolltechnischen Rücksichten 
nicht aufgeben mag und kann, nur einseitig, indem sie die geringen 
Sorten mit einem hohen Schutz versehen, die feinsten dagegen mit 
einem nur geringen, und die letzteren hat man bei der Massregel 
doch hauptsächlich im Auge. Kin wirklich hoher Zoll, der die 
Zucht der feinen Wolle allein wieder lohnend machen könnte —- die 
agrarische Bescheidenheit schreckte selbst vor 70 Mark pro Zentner 
nicht zurück —, würde aber sehr unliebsame Nebenerscheinungen 
mit sich bringen, wie vor allem die Förderung der Shoddy- und 
Munvofabriken. die sofort wie Pilze aus der Erde wachsen, sobald
	        
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