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die geringeren Wollsorten erheblich im Preise steigen. Es macht sich
dann eben bezahlt, die abgetragenen Wollzeuge mit der Maschine
zu zerzupfen und sogenannte Kunstwolle herzustellen, die der natür-
lichen Woile beigemischt, von Neuem versponnen und verwebt wird.
Ende der sechziger Jahre wurden in Deutschland mehr als hundert-
tausend Zentner solcher Kunstwolle hergestellt, die bis zu dreiviertel
den Bestandteil der damals beliebten dicken Dubbelstoffe ausmachte,
die sehr gut aussahen, deren Haltbarkeit bei der grossen Brüchigkeit
der Kunstwolle aber mehr als fragwürdig war. Diese Kunstwolle
macht dann ihrerseits den geringeren Wollsorten Konkurrenz und ist
imstande, dadurch die Landwirte wiederum um den erwarteten Gewinn
zu bringen.
Zoll auf Ein Zoll auf Halbfabrikate schützt dagegen neben den Ge-
Halbfabrikate. werben der Rohproduktion noch eine Anzahl Industrien, wie bei dem
Woll-Garnzoll in erster Linie den Spinner, in zweiter Linie den Land-
wirt. Ein Zoll auf Maschinenteile, Draht ete. nützt den betreffenden
Fabrikanten, sowie den Bergwerken. Benachteiligt werden dadurch die
übrigen Fabrikanten, die das Halbfabrikat übernehmen und weiter ver-
arbeiten, schliesslich die Konsumenten.
Zoll auf Kin Zoll auf Maschinen, fertige Zeuge, oder gar Mäntel und
ertige Waren. Kleidungsstücke schützt nicht nur die Unternehmungen, die diese
Gegenstände herstellen, sondern auch die Verfertiger des Halbfabrikats
und die Produzenten des Rohmaterials, während dagegen nur die
Konsumenten, resp. die Unternehmungen den Zoll zu tragen haben,
welche die Gegenstände gebrauchen. Hieraus ergiebt sich, dass je
mehr der belastete Gegenstand zur unmittelbaren Verwertung fertig
ist, und nicht noch einer weiteren Umgestaltung bedarf, um so weiter-
gehend die Wirkung des Schutzes, um so geringer die Zahl der Be-
nachteiligten ist. Je weitergehend der Gegenstand noch einer Be-
arbeitung bedarf, je mehr Hände er noch zu passieren hat, umsomehr
Gewerbszweige und Personen. empfinden die Belastung und werden
dadurch benachteiligt. Man hat deshalb in der Wissenschaft wie in
der Praxis schon sehr lange diese Unterscheidung gemacht und für
diese drei Kategorien verschiedene Zollbehandlung für notwendig er-
achtet und prinzipiell gesucht, alles Rohmaterial von der Verzollung
frei zu lassen, — wie es auch die Merkantilisten bekanntlich verlangten
— um 80 höher dagegen die fertigen Gebrauchsgegenstände zu den
Zöllen heranzuziehen. Es ist dieser Gesichtspunkt deshalb keineswegs
ein freihändlerischer, sondern ebensogut ein schutzzöllnerischer und
unzweifelhaft volkswirtschaftlich berechtigt und einfach vernünftig,
Wirkung nach Je allgemeiner der verzollte Gegenstand. gebraucht wird, um so
der Verbrei- tiefergreifend auf die ganze Volkswirtschaft wird seine Wirkung sein,
rn des Ge- um so höher die pekuniäre Belastung für die Gesamtheit, Ein Zoll
rauches des sw . s a .
verzollten auf Kohle, die überall in der Industrie wie in dem Privathause ge-
Gegenstandes. braucht wird, wie ein Zoll auf Brotgetreide, greift in jeden Haushalt
ein und wirkt annähernd wie eine Kopfsteuer, aber nicht nur als
Abgabe an die Staatskasse, sondern zugleich als Abgabe an die be-
treffenden Produzenten, die Inhaber der Kohlengruben, denen die aus-
ländische Konkurrenz ferngehalten wird, und an alle Landwirte,
welche Getreide über den eigenen Bedarf bauen und verkaufen. Denn
es ist der Zweck der Getreidezölle, den Preis des Getreides zu er-