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zurückzuführen, dass in England und den Vereinigten Staaten von
Nordamerika die Arbeiterbevölkerung weit billiger zu leben vermag,
als in Deutschland, wo Getreide, Fleisch, ebenso Wollen- und Baum-
wollenzeuge, wie die Möbel, welche als Durchschnittsware aus dem
Grossbetriebe hervorgehen, weit billiger sind als hier, Und es ist klar,
dass darin eine wesentliche Erschwerung der Konkurrenz auf dem
Weltmarkt und bei dem Exporte vorliegt, die um so nachteiliger wirken
muss, je schärfer der Konkurrenzkampf sich entwickelt. Im Beginne
des 19. Jahrhunderts war,wie im Grundriss I, $ 47, S. 135 gezeigt ist,
der Preis des Weizens in England mehr als doppelt so hoch wie in
Preussen, gegenwärtig ist er umgekehrt, namentlich in den Industrie-
distrikten des Rheinlands und Westfalens, um ein Drittel höher als in
England und der Zentner Roggen ist hier nicht unbedeutend teurer be-
zahlt, als der Weizen in England. Von 1816—20 kostete die Tonne
Weizen in England 364 Mk., in Preussen 206, die Differenz war
158 Mk.; von 1891—1900 in England 131, in Preussen 165, die Diffe-
renz beträgt 34 Mk., aber diesmal zu Gunsten Preussens. Der Rogyen
kostete hier 142, also immer noch 11 Mk. mehr als in England der
Weizen. In Westfalen war der Preis des Weizens in derselben Zeit
171, er stand 40 Mk. über dem englischen, also 5 Mk. noch über dem
Zoll. In Lindau zahlte man von 1891—95 sogar 93 Mk. mehr als in
London.
Ein hoher Schutzzoll schliesst dadurch allgemein besondere Nach- Begünstigung
teile in sich, dass er den grossen Unternehmungen ein Uebergewichtdes Monopols
über die kleinen gewährt. Das ist im Handel der Fall, indem nur de ETOSSEN
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bedeutende Häuser die grossen Summen auslegen können, die an Zoll ungen.
verlangt werden, Das ist ebenso aber auch in der Industrie der Fall,
wo die grossen Fabrikanten, die mit dem Aus- und Inlande in Ver-
bindung stehen, in der Lage sind, auf Kosten der heimischen Be-
völkerung für den Export zu arbeiten, indem sie auf Grund der hohen
Preise, die sie im Inlande erhalten, einen Teil der Produkte zu einem
exceptionell niedrigen Preise an das Ausland abgeben, der für die
gesamte Produktion im Durchschnitt nicht ausreichen würde die Kosten
zu decken. Er genügt in diesem Falle allein, weil bei diesem Teile
die Generalunkosten für den Unternehmer wenig oder gar nicht in
Betracht kommen, weil sie durch den Absatz im Inlande gedeckt
werden. Auf diese Weise kann eine Produktion aufrecht erhalten, resp.
forciert werden, die volkswirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist,
sondern nur privatwirtschaftlich, vom Standpunkte des Unter-
nehmers, der noch einen Gewinn dabei machte, ausnahmsweise aller-
dings auch aus sozialpolitischen Rücksichten, um nicht Arbeiter
verdienstlos werden zu lassen. Die Wirkung ist dieselbe wie die
Gewährung einer Ausfuhrprämie. Abgesehen von dem letzten Falle
wird es geboten sein, den Schutzzoll entsprechend zu ermässigen, denn
es ergiebt sich aus der Thatsache, dass er entbehrt werden kann und
er die volkswirtschaftliche "Thätigkeit in eine falsche Richtung ge-
bracht hat.
Derartige Beispiele sind in verschiedenen Ländern vorgekommen,
wo das Schutzzollsystem in scharfer Wirksamkeit ist. In Deutschland
sind Stahlschienen, Draht ete. wiederholt auf solche Weise zu über-
mässig billigen Preisen an das Ausland verkauft. Spiritus und Zucker
Ponrad, Grundriss d. volit. Oekaonomie. IM. Teil. 3. Aufl. DZ