Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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zugeben, eben weil die Wirkung der Massregel, wie wir sahen, ausser- 
ordentlich weit verzweigt ist und sich keineswegs immer genau vor- 
ausbestimmen lässt. Zu allen Zeiten sind deshalb hierbei ausserordent- 
liche Missgriffe gemacht, und es ist um so mehr Vorsicht dabei er- 
forderlich, weil eine nachträgliche Rückgängigmachung der Massnahmen 
stets mit Schädigungen für die beteiligten Kreise verknüpfi sind. Auf 
ler anderen Seite liegt es nahe, dass je nach dem Standpunkt, von 
dem aus man die Verhältnisse ansieht, sich ein abweichendes Urteil 
ergiebt. Der Produzent wird geneigt sein, für einen ihn begünstigenden 
Schutzzoll einzutreten, auch wenn er bestrebt ist rein objektiv zu ur- 
veilen, weil er seiner Thätigkeit wie seinem Produkt, mit dem er es be- 
ständig zu thun hat, unwillkürlich eine verhältnismässig hohe Bedeutung 
für die ganze Volkswirtschaft zuschreiben wird. Dem Konsumenten 
tritt dagegen hauptsächlich die dadurch herbeigeführte Verteuerung des 
Gegenstandes entgegen. Er sieht nur das Endresultat und berück- 
sichtigt zu wenig die Produktion in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, 
Der Eine sieht die Entwicklung sehr optimistisch, der Andere pessimis- 
isch an, Beide müssen daher zu einem verschiedenen Urteil kommen, 
auch wenn sie auf demselben prinzipiellen Boden stehen. Es ist nicht 
genug zu beklagen, wie aus Verkennung dieses Umstandes in unserer 
Zeit sich scharfe politische Gegensätze entwickeln, nicht weil die 
Grundanschauung eine verschiedene ist, sondern allein weil die Be- 
treffenden in der Beurteilung einzelner, rein praktischer Fragen aus- 
einandergehen. Theoretisch liegen in der Gegenwart bei den mass- 
zebenden Persönlichkeiten gar keine bedeutende Meinungsverschieden- 
heiten mehr vor. Die Anschauungen haben sich während des letzten 
Jahrhunderts vielmehr ausserordentlich genähert. Auch die Vertreter 
der freihändlerischen Parteien in Deutschland sind sich längst klar 
darüber geworden, dass im Momente ausser England kein anderer Staat 
imstande ist, zum unbedingten Freihandel überzugehen, ohne erhebliche, 
für das Land kaum zu entbehrende Produktionszweige dem Untergange 
zu Weihen.‘ Auch ausgesprochene‘ Schutzzöllner erkennen dagegen 
immer allgemeiner an, dass die Zölle nur als Mittel anzusehen sind, 
nicht aber als Selbstzweck; und dass sie nur so lange eine Berechtigung 
aaben, als sie zur Förderung der Produktion nicht entbehrt werden 
zönnen; dass sie im Grunde als ein Uebel anzusehen sind, welches so 
viel als möglich zu beschränken ist. Treilich fehlt es oft genug an 
der klaren Uebersicht der richtigen Konsequenz in der Durchführung 
des Prinzips. 
Einer der Hauptfehler, auf den man in der Diskussion über 
Schutzzölle zu häufig stösst, ist der, dass man meint, dem einen Pro- 
duktionszweige einen Schutzzoll gewähren zu müssen, weil ihn ein 
anderer bereits hat. Es wird als eine Ungerechtigkeit angesehen, wenn 
aicht der Schutz nach allen Richtungen hin in der gleichen Weise ge- 
währt wird, Man kann die Motivierung auch jetzt noch täglich hören, 
dass, weil die Industrie Schutzzölle hat, die Landwirtschaft auch welche 
fordern kann. Diese Art der Argumentation ist eine völlig verkehrte. 
Die Frage ist allein, ob in den einzelnen Fällen der Schutzzoll im In- 
ieresse der Gesamtheit liegt oder nicht; und ob er in einem anderen 
Falle noch für gerechtfertigt gehalten werden kann oder nicht, ist hierfür 
völlig gleichgiltig. Ist die Landwirtschaft infolge der überseeischen
	        
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