Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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schädigung zu erreichen wäre, bis die Bevölkerung sich an die neue 
Thätigkeit gewöhnt hat und dadurch leicht neuer Nachschub und Ersatz 
für verbrauchte Kräfte erlangt werden kann. Bis die Verluste infolge 
unvollkommener Arbeit ausgeglichen sind, können nicht nur Jahre, son- 
dern selbst Jahrzehnte vergehen, während in einer Gegend, wo die Be- 
völkerung bereits Generationen hindurch daran gewöhnt ist, von klein 
auf die Arbeiten zu beobachten, und mit dem Bewusstsein aufwächst, 
das Leben derselben Beschäftigung zu widmen, die Leistungen ungleich 
vollkommener sind und es an den entsprechenden zuverlässigen Arbeits- 
kräften nicht fehlt. Es ist einleuchtend, dass hier die Unternehmer in 
einem abgeschlossenen Lande durch einen Zoll vor der Unterdrückung 
durch ein anderes Land geschützt werden müssen, welches nach allen 
Richtungen hin den entsprechenden Vorsprung an guten Kommuni- 
kationsmitteln, reichlicheren, billigeren und geschulten Arbeitskräften be- 
sitzt. Der gleiche Fall wird vorliegen, wenn wegen Mangel an Kapi- 
talien in einem ärmeren Iande der Zinsfuss höher ist, weil auch 
Jladurch die Anlage in Unternehmungen ohne Schutz nicht möglich 
ist, welche die Konkurrenz mit einem Lande aufnehmen müssen, wo 
las Geld viel billiger ist und der Grossbetrieb leichter durchgeführt 
werden kann. 
Beispiel der Wie nun durch Schutzzoll ein industrieller Betrieb künstlich gross 
Rübenzucker- gezogen werden kann und dann nachhaltig zur Hebung des Wohl- 
industrie, Standes grosser Gebiete zu wirken vermag, dafür bietet die Entwick- 
;ung der Rübenzuckerindustrie das beste Beispiel. Unter dem gewal- 
ägen Schutze der Kontinentalsperre und der dadurch enorm gesteigerten 
Zuckerpreise konnten die ersten Experimente der Rübenzuckerfa- 
brikation Anfang des 19. Jahrhunderts gemacht werden und sich bezahlt 
machen. Sobald die Sperre beseitigt war, wurden auch für längere Zeit 
die kleinen Fabriken lahm gelegt. Aber immer noch bestand ein sehr 
bedeutender Zoll auf Rohrzucker, der eine Prämie für den Rübenzucker 
in sich schloss. Dieser führte zu fortgesetzten Experimenten und in 
den dreissiger Jahren tauchten sowohl in Frankreich, wie in Deutsch- 
jand eine grössere Zahl von Fabriken auf, und die Rübenkultur griff 
um sich, so dass man im Interesse der Staatskasse eine inländische 
Zuckersteuer einführte und diese allmählich erhöhte. Jede neue Auf- 
ıage reduzierte die Zahl der Fabriken, aber immer von Neuem wurde 
dies ausgeglichen durch Fortschritte in der Erzeugung zuckerhaltiger 
Rüben und Verbesserungen in dem Verfahren, den Zucker aus dem 
Safte heraus zu kristallisieren. So ist man allmählich so weit gekommen, 
Jass die Rübe auch ohne Schutz mit dem Zuckerrohr zu konkurrieren 
vermag und ihm auf dem Weltmarkte mehr und mehr das Terrain 
streitig macht. Ohne den damaligen Zollschutz würde noch heutigen 
Tages von einer Rübenzuckerindustrie in grösserem Stile schwerlich 
die Rede sein. 
Der wirtschaftliche Gewinn war dadurch aber ein ungleich 
zrösserer und nachhaltiger, als die pekuniären Opfer, die dadurch den 
Konsumenten auferlegt wurden. Durch die gut bezahlten Rüben wurde 
die Landwirtschaft in den Stand gesetzt, den Boden weit tiefer und 
vesser zu beackern, weit reichlicher zu düngen als bisher, ihn mit 
grösserer Sorgfalt von Steinen und Unkraut zu befreien, und dadurch 
in der Ertragsfähigkeit derartig zu steigern, dass nach zwei Dezennien
	        
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