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schädigung zu erreichen wäre, bis die Bevölkerung sich an die neue
Thätigkeit gewöhnt hat und dadurch leicht neuer Nachschub und Ersatz
für verbrauchte Kräfte erlangt werden kann. Bis die Verluste infolge
unvollkommener Arbeit ausgeglichen sind, können nicht nur Jahre, son-
dern selbst Jahrzehnte vergehen, während in einer Gegend, wo die Be-
völkerung bereits Generationen hindurch daran gewöhnt ist, von klein
auf die Arbeiten zu beobachten, und mit dem Bewusstsein aufwächst,
das Leben derselben Beschäftigung zu widmen, die Leistungen ungleich
vollkommener sind und es an den entsprechenden zuverlässigen Arbeits-
kräften nicht fehlt. Es ist einleuchtend, dass hier die Unternehmer in
einem abgeschlossenen Lande durch einen Zoll vor der Unterdrückung
durch ein anderes Land geschützt werden müssen, welches nach allen
Richtungen hin den entsprechenden Vorsprung an guten Kommuni-
kationsmitteln, reichlicheren, billigeren und geschulten Arbeitskräften be-
sitzt. Der gleiche Fall wird vorliegen, wenn wegen Mangel an Kapi-
talien in einem ärmeren Iande der Zinsfuss höher ist, weil auch
Jladurch die Anlage in Unternehmungen ohne Schutz nicht möglich
ist, welche die Konkurrenz mit einem Lande aufnehmen müssen, wo
las Geld viel billiger ist und der Grossbetrieb leichter durchgeführt
werden kann.
Beispiel der Wie nun durch Schutzzoll ein industrieller Betrieb künstlich gross
Rübenzucker- gezogen werden kann und dann nachhaltig zur Hebung des Wohl-
industrie, Standes grosser Gebiete zu wirken vermag, dafür bietet die Entwick-
;ung der Rübenzuckerindustrie das beste Beispiel. Unter dem gewal-
ägen Schutze der Kontinentalsperre und der dadurch enorm gesteigerten
Zuckerpreise konnten die ersten Experimente der Rübenzuckerfa-
brikation Anfang des 19. Jahrhunderts gemacht werden und sich bezahlt
machen. Sobald die Sperre beseitigt war, wurden auch für längere Zeit
die kleinen Fabriken lahm gelegt. Aber immer noch bestand ein sehr
bedeutender Zoll auf Rohrzucker, der eine Prämie für den Rübenzucker
in sich schloss. Dieser führte zu fortgesetzten Experimenten und in
den dreissiger Jahren tauchten sowohl in Frankreich, wie in Deutsch-
jand eine grössere Zahl von Fabriken auf, und die Rübenkultur griff
um sich, so dass man im Interesse der Staatskasse eine inländische
Zuckersteuer einführte und diese allmählich erhöhte. Jede neue Auf-
ıage reduzierte die Zahl der Fabriken, aber immer von Neuem wurde
dies ausgeglichen durch Fortschritte in der Erzeugung zuckerhaltiger
Rüben und Verbesserungen in dem Verfahren, den Zucker aus dem
Safte heraus zu kristallisieren. So ist man allmählich so weit gekommen,
Jass die Rübe auch ohne Schutz mit dem Zuckerrohr zu konkurrieren
vermag und ihm auf dem Weltmarkte mehr und mehr das Terrain
streitig macht. Ohne den damaligen Zollschutz würde noch heutigen
Tages von einer Rübenzuckerindustrie in grösserem Stile schwerlich
die Rede sein.
Der wirtschaftliche Gewinn war dadurch aber ein ungleich
zrösserer und nachhaltiger, als die pekuniären Opfer, die dadurch den
Konsumenten auferlegt wurden. Durch die gut bezahlten Rüben wurde
die Landwirtschaft in den Stand gesetzt, den Boden weit tiefer und
vesser zu beackern, weit reichlicher zu düngen als bisher, ihn mit
grösserer Sorgfalt von Steinen und Unkraut zu befreien, und dadurch
in der Ertragsfähigkeit derartig zu steigern, dass nach zwei Dezennien