Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

Zentrum, um so niedriger werden ‘also die Fruchtpreise sein, und er 
untersucht nun, welches Wirtschaftssystem in den einzelnen sich um 
das Zentrum lagernden Kreisen den höchsten Reinertrag abliefert. Er 
stellt dafür genaue Berechnungen an und entnimmt dazu das Material 
seinen eigenen Wirtschaftsbüchern. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 
in der nächsten Nähe der Stadt die Kultur von Gemüse, frischem Obst, 
die Gewinnung von Milch, Butter, Eiern, dann von Stroh und Heu sich 
am meisten bezahlt macht, Produkte, welche teils durch ihr Volumen, 
teils weil sie leicht verderben, einen weiteren Transport auf gewöhnlichem 
Landwege nicht vertragen. Der Preis dieser Produkte muss deshalb 
50 hoch steigen, dass durch sie ein höherer Reinertrag zu erzielen ist, 
als durch die übrigen Früchte, die deshalb mehr und mehr verdrängt 
and in der Kultur auf entferntere Gegenden verwiesen werden. Dies 
wird dadurch begünstigt, dass aus der Stadt der Dünger beschafft 
werden kann, der für die angegebenen Kulturen in reichem Masse not- 
wendig ist. Die Viehhaltung zur Düngergewinnung ist deshalb nicht 
nötig. Vieh wird nur gehalten, soweit es zum Zuge, dann zur Milch- 
produktion erforderlich ist. Der Viehstand wird in diesem nächsten 
Kreise also ein verhältnismässig geringer sein. Es ist der Kreis der 
freien Wirtschaft. 
In dem zweiten Kreise muss nach Thünen’s Berechnung die 
Waldkultur Platz greifen. Das schwer transportable Holz ist in- 
folge der hohen Kosten der Anfuhr so teuer, dass der Wald in dieser 
Gegend eine höhere Rente abwirft, als der landwirtschaftlich benutzte 
Acker. 
In den dritten Kreis verweist er, unter Voraussetzung seiner 
heimischen Verhältnisse mit üppigem Graswuchs, die Feldgraswirt- 
schaft, während in anderen Gegenden mit einem trockneren Klima 
die Fruchtwechselwirtschaft sich am besten bezahlt macht. 
Hier müssen die voluminösen Hackfrüchte gebaut werden, hier ist die 
Stallfütterung am Platze, um Mastvieh zu halten, während das Ge- 
treide nur eine Ergänzung zu ihm bildet. Die Preise der Früchte 
sind so hoch, dass eine intensive Ausnutzung des Bodens sich bezahlt 
macht und ein grosser Aufwand von Arbeit und Kapital den Verhält- 
aissen entspricht. 
In dem vierten Kreise, wo nun bereits extensiver gewirtschaftet 
werden muss, bleibt mehr Land als Brache liegen. Auf Hackfrüchte 
muss verzichtet werden; Mastung macht sich nicht mehr bezahlt; so- 
wohl an Arbeitskräften, wie an Dünger wird gespart, hier kann nur 
Dreifelderwirtschaft durchgeführt werden. Das Getreide ist es, 
welches hier hauptsächlich gebaut wird und zur Ernährung der Stadt 
dient. In dem fünften Kreise lohnt sich auch nicht mehr der Ge- 
'reidebau, es tritt die Weidewirtschaft ein. Mageres Vieh wird nach 
dem dritten Kreise getrieben, Wolle, Felle etc. sind daneben die Ver- 
kaufsartikel. 
Das Hauptergebnis dieser Darstellung ist, dass der Landwirt 
nicht beliebig das Wirtschaftssystem wählen kann, sondern gezwungen 
ist, auf Grund einer Berechnung festzustellen, welches den höchsten 
Reinertrag zu liefern vermag, weil unter gegebenen Verhältnissen stets 
aur ein bestimmter Grad der Intensität des Betriebes sich bezahlt 
macht.
	        
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