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riss I. 8 14 des Näheren erörtert. Wir halten uns hier zunächst an
die Zahlen.
Die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung wird, wie schon dort an- Verhältnisse
gegeben, erheblich durch die Verteilnng des Geschlechts und die Ab- der
stufung des Alters bedingt. Die beiden Geschlechter sind durch ver- Geschlechter,
schiedene körperliche wie geistige Eigenschaften sehr ungleich in ihrer
Leistungsfähigkeit. Die Frau verhält sich mehr receptiv, die produk-
tive Schaffenskraft ist in der Hauptsache dem Manne vorbehalten.
Ein Ueberwiegen der männlichen Bevölkerung wird deshalb nach dieser
Richtung günstig sein, Noch bedeutsamer aber ist das Verhältnis
durch die gegenseitige Ergänzung in der Ehe, die durch ein Missver-
hältnis in der Zahl der beiden Geschlechter ‘verhindert wird. In
Europa überwiegen im Durchschnitte die Frauen nicht unerheblich,
Man hat einen Ueberschuss von vier Millionen weiblicher Wesen
oerechnet (s. Grundriss IV, $& 28). In Europa sind es namentlich die
nördlichen Gegenden, in denen der grösste Frauenüberschuss vorhanden
ist, während in dem südlichen Italien, Rumänien, Serbien ein Defizit
konstatiert ist. Im dentschen Reiche betrug nach der Zählung von
1900 der Ueherschuss der Frauen 882880 Individuen, auf 100
Männer kamen 103,3 Frauen. Dieses Missverhältnis fällt natürlich
erst bei den Erwachsenen ins Gewicht und hauptsächlich in dem
heiratsfähigen Alter. Nun zeigt es sich, dass dasselbe sich mit den
Altersstufen immer mehr verschärft. Im Alter von unter zehn Jahren
fallen auf 1000 männliche Einwohner 995 weibliche. Das Ueber-
wiegen der männlichen bei der Geburt ist durch die grössere Sterb-
lichkeit derselben noch nicht ausgeglichen. In dem Alter von 10
bis 20 Jahren ist die Ausgleichung hergestellt, und von 10 zu 10
Jahren steigert sich dann regelmässig der Ueberschuss der weiblichen
Personen durch die stärkere Auswanderung der Männer, wie die das
Leben gefährdende Thätigkeit im Beruf und Militärdienst, vielleicht
auch durch natürliche körperliche Anlage, ganz gewiss aber überwiegend
infolge von Ausschweifungen, besonders durch den Alkoholismus. In
dem heiratsfähigen Alter von 21—50 Jahren gab es in Deutschland
1890 9059000 männliche Personen; in dem Alter von 18—45
Jahren aber 9552000 Frauen. Das ist fast eine halbe Million mehr.
Die Einwirkung dieses Verhältnisses auf die wirtschaftlichen und so-
zialen Zustände unseres Landes treten in der Frauenfrage scharf zu
Tage, und das ungünstige Verhältnisse wird um so mehr verschärft, je
vrösser die Zahl der Männer ist, welche nicht rechtzeitig, d.h. in einem
angemessenen Alter die Stellung zu crlangen vermögen, die es ihnen
gestattet, eine Familie zu gründen, und um so grösser ist die Zahl der
Frauen, welche darauf angewiesen ist, sich einen eigenen Wirkungskreis
zu schaffen und durch eigene Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen,
Auch die Verteilung der Altersstufen fällt hier ins Gewicht, indem
mit dem Ueberwiegen des leistungsfähigen Alters, welches man gewöhn-
lich vom 15.—60. Jahre annimmt, sowohl die wirtschaftliche Arbeits-
kraft und die Wehrfähigkeit grössere sind. Das Verhältnis ist im
deutschen Reiche 569 pro mille, in Frankreich dagegen 613, in dem
britischen Reiche 574, in Oesterreich 579, in Ungarn 557 pro mille.
Dieses Verhältnis wird natürlich besonders bedingt durch die Zahl
der Geburten. die Lebensfähiykeit und schliesslich durch die Aus-
Altersstufen.