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grösser wird mit einem Male der Spielraum, wenn zu dem Ackerbau In-
dustrie und Handel hinzutreten, wo gegenwärtig eine Volksdichtigkeit von
300 pro Quadratkilometer ohne irgend welchen Nachteil Platz greifen
kann, die man noch vor einem halben Jahrhundert für unerträglich hielt,
Aber schon bei dem Ackerbau ist eine grosse Verschiedenheit der Volks-
dichtigkeit möglich, je nach der Bodengüte, dem Klima und der Inten-
sivität der Kultur. Im hohen Norden, wo man auf häufige Missernten ge-
fasst sein muss, wird dieselbe Fläche kaum den vierten Teil der Menschen
zu ernähren vermögen als z. B. in Italien, wo dem Boden im Jahre
zwei bis drei Ernten abgewonnen werden können. Ein dürftiger Sand-
boden, der pro Morgen nur 3—4 Zentner Brotgetreide liefert, beschränkt
die Bevölkerung auf ein Drittel von der, welche z. B. die Provinz Sachsen
zu ernähren vermag. Aber in den Gegenden der russischen Schwarz-
erde mit der höchsten Fruchtbarkeit ist doch die Bevölkerung eine
spärliche und geringer, als in den sandigen Gegenden der Mark mit
intensiver Ausnutzung des Bodens. Reine Agrargegenden werden unter
unseren Verhältnissen kaum mehr als 50-—60 Menschen auf den qkm
angemessen verwerten können, während in China und Japan einzelne
Gegenden bei reinem Ackerbau die dreifache Volksdichtigkeit zeigen,
und noch mehr, indem jede Scholle auf das Sorgfältigste mit dem
Spaten behandelt wird. Bei starker Bodenzersplitterung können doppelt
30 viel Menschen auch im Ackerbau Beschäftigung und Ernährung
finden, als bei dem Veberwiegen grosser Güter. Unter Hinzuziehung
der Industrie sehen wir aber in Sachsen schon 280 Menschen, in
England und Wales 202, in Belgien 209 Menschen auf dem Quadrat-
kilometer wohnen, ohne dass von Uebervölkerung die Rede ist,
Bedeutung Auf den 63,4 qkm, welche Berlin umfasst, wohnten auf Grund ge-
les Gewerbe- werblicher Beschäftigung 1895 auf jedem Quadratkilometer 26 455 Men-
betriebes, schen, ohne dass man sagen kann, dass diese Volksdichtigkeit sich als
volkswirtschaftlich schädlich erwiesen hat, wenn sich auch gewisse sanitäre
Unzuträglichkeiten herausgestellt haben, die aber sehr wohl zu mildern,
wenn nicht zu beseitigen wären. Je nach der Art der Thätigkeit, ins-
besondere nach der Ausdehnung der Anwendung von Motorkraft und
Maschinen wird auch hier der Spielraum sehr erweitert werden können.
In solcher Weise kann mit Entwicklung der Kultur eine immer
grössere Menschenzahl auf derselben Fläche beschäftigt und unterhalten
werden. Es ist ferner eine Thatsache, dass auf der Erde noch sehr
ausgedehnte Territorien vorhanden sind, die nicht benutzt werden, und
schliesslich giebt es auch in Ländern, in denen ein grosser Teil der
Bevölkerung im Elende lebt, zugleich noch Volksschichten, die sich
in behäbiger Lage befinden und selbst im Reichtume leben, so dass
durch eine gleichmässigere Verteilung des Einkommens noch eine grössere
Zahl von Menschen ein ausreichendes Einkommen haben würden, Es liegt
deshalb nahe, zu sagen — und man hat es behauptet —, dass in unserer
Zeit von einer Uebervölkerung überhaupt nicht gesprochen werden
kann. Das beruht indessen nur auf einer falschen Auffassung des Be-
griffes. Der Umstand, dass durch eine Kulturveränderung ein grösserer
Spielraum für mehr Menschen gewonnen werden kann, wirft nicht die
Thatsache um, dass im Momente der Zustand der Uebervölkerung; vor-
handen ist. Der UVebergang zu einer höheren Kulturstufe lässt sich
nicht willkürlich vollziehen, und es bedarf dazu auch bei den günstigsten