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Bedingungen einer‘ längeren Uebergangszeit. Die Möglichkeit also,
durch gewisse Massregeln auf Grund eines allgemeinen Fortschrittes
die vorhandene Menschenmenge angemessen verwerten zu können, be-
seitigt nicht einen momentan vorhandenen Zustand der Ueberfüllung
und nicht den Begriff der Uebervölkerung überhaupt.
Vor hundert Jahren war es eben noch nicht möglich, die Indianer
zum Ackerbau zu bewegen, so wenig wie es gegenwärtig nicht erreicht wer-
den kann, die Neger in Kamerun sämtlich zu fleissigen Arbeitern zu machen.
Trotz aller Bemühungen wollte es bisher nicht gelingen, in den östlichen
Provinzen Preussens eine Industrie gross zu ziehen. Ungeachtet der klaren
Erkenntnis der Ursachen des Elends in Irland in den vierziger Jahren des
letzten Jahrhunderts hat es fast ein halbes Jahrhundert gedauert, bis man
den Zustand der Uebervölkerung wirklich beseitigt hatte. Da wir von der
Einführung eines sozialistischen Staates noch unendlich entfernt sind, wird
man auch da zugestehen müssen, dass Uebervölkerung vorliegt, wo aller-
dings durch eine völlige Gleichstellung Aller die momentane Armut beseitigt
werden könnte. Man darf nicht die Gesamtheit der Kinwohner der Ge-
samtheit der Befriedigungsmittel gegenüberstellen, sondern man hat
die Erscheinungen auf die thatsächlich vorliegende Verteilung der
Güter zu beziehen. Mit anderen Worten, die Uebervölkerung kann
lokal begrenzt oder ausschliesslich auf einzelne Bevölkerungsklassen, ja
Erwerbsbranchen beschränkt sein, ohne ihren Charakter zu verlieren
Auf höherer Stufe der Kultur tritt sogar ausschliesslich die Ueber-
völkerung nur in dieser beschränkten Weise hervor.
Der Unterschied derselben Erscheinung auf verschiedenen Kultur-
stufen lässt sich in der folgenden Weise charakterisieren.
Noch im Mittelalter traten in jedem Jahrhundert mehrere Miss-
ernten ein, welche Hungersnöte und diese wiederum epidemische Krank-
heiten aller Art zur Folge hatten, durch welche die Bevölkerung oft
mehr als decimiert wurde, Von Jahrhundert zu Jahrhundert sind diese
Notstände seltener geworden und haben einen milderen Charakter an-
genommen. Absoluter Mangel an Nahrungsmitteln hat schon in dem
ganzen letzten Jahrhundert unter unseren Verhältnissen kaum irgend-
wo grössere Lerritorien oder selbst Gemeinden betroffen. Selbst zur Kein Mangel
Zeit des grossen KElends infolge der Kartoffelkrankheit in Irland inan Nahrungs-
den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde aus der Insel mitteln.
thatsächlich noch Weizen exportiert. In den Notständen am Anfang
der fünfziger Jahre in Süddeutschland, 1867 in Ostpreussen hielt es nicht
schwer, die nötigen Kartoffeln. sowie Brotgetreide in ausreichendem Masse
für die hungernde Bevölkerung herbeizuschaffen. Nicht der Mangel
an Nahrungsmitteln war die Ursache des Elendes, sondern nur der
Mangel an Kaufkraft. Heutigen Tages fehlt es in den in betracht
kommenden Ländern nur an Verdienst, und ein Zeichen, wie sehr
Russland in der Kultur zurückgeblieben, ist in erster Linie der
Umstand, dass in ausgedehnten Landesstrecken sich in häufiger
Wiederkehr Hungersnot cntwickeln kann. Aber auch von da wurde
noch fortdauernd Getreide exportiert, so lange nicht ein direktes Ver-
bot der Ausfuhr ausgesprochen war. Die Möglichkeit lag für die Re-
gierung auch dort stets vor, den nötigen Unterhalt durch das ausge-
oreitete Eisenbahnnetz hinzuführen.
Äourad. Grundriss d. polit. Oekonoamie. II Teil, 3. Aufl. *