abzubringen. In Irland haben die Eingeborenen zunächst das Christen-
tum nur unter der Bedingung angenommen, dass ihnen die Kinderaus-
setzung gestattet wurde. Und die Kirche griff zu dem Ausweg, das
Volk aufzufordern, die Kinder, die man beseitigen wollte, nicht auszu-
setzen, sondern ihr zu übergeben, um sie als Diener der Kirche ’auf-
zuzichen. Sie stellte zu dem Zweck Marmorschalen bei den Kirchen
auf, wie später die Drehlade an den Findelhäusern. ;
Eine noch verhängnisvollere Sitte findet sich bei rohen Völkern
in der Fruchtabtreibung, die iu der grausamsten Weise vollzogen wird,
wodurch die Frauen selbst oft zu Grunde gehen oder dem Siechtum
verfallen; so bei den Kamschadalen, Südseeinsulanern und Australiern
Die. christliche Lehre von der Unverletzlichkeit des menschlicher
Lebens hat nach allen Richtungen hin hier Wandel geschafft, we
durch die Volkszunahme in ausserordentlicher Weise begünstigt wurde
So wird auf höherer Kulturstufe der Kampf um das Dasein nicht
in blutiger Weise durchgeführt, doch lässt er sich nicht minder noch
in der Gegenwart verfolgen. Er ist nur auf das wirtschaftliche und
zeistige Gebiet übertragen und wird mit eivilisierten Waffen durchge-
führt. Er ist gewissermassen vor die Ehe verlegt, aber in seiner Wirk-
samkeit auf die Volksvermehrung gleichbedeutend. Es entscheidet
immer weniger die physische Kraft als die geistige Tüchtigkeit, wer
der Sieger sein wird. Auf dem wirtschaftlichen Gebiete ist cs der
tüchtigere Arbeiter, der geschicktere Handwerker, der gewandtere Kauf-
mann, der zuerst zu einer selbständigeren Stellung gelangt und genug
verdienen kann, um eine Familie zu gründen; wie ebenso der Arzt
ınd Advokat, der sich das Vertrauen des Publikums erwirbt u, s. w.
Was ist es anders als ein Kampf um das Dasein, wenn zwei junge
Theologen sich um eine Pfarrstelle bewerben. Derjenige, der die beste
Predigt hält, der Gemeinde am meisten gefällt, wird gewählt und kann
sich verheiraten, während der Andere warten muss, bis er einem weniger
‚üchtigen Kollegen seinerseits den Rang abläuft. Je schwieriger sich
'n der neueren Zeit die Verhältnisse bei uns gestaltet haben, je länger die
Vorbereitungszeit für die Berufe der gebildeten Klasse sich ausdehnt, je
nchr eine Ueberproduktion an höher gebildeten Kräften dadurch hervortritt,
ım so später gelangen die jungen Leute zur Verchelichung. Dass aber
dasselbe natürliche Streben noch jetzt vorliegt, ist daraus zu ersehen,
dass bei günstigen Konjunkturen die Zahl der Eheschliessungen, dann
lie Zahl der Geburten zunimmt, während in Zeiten wirtschaftlicher
Depression, wie namentlich nach Ausbruch von Kriegen, dieselben Er-
scheinungen sich vermindern, um sofort wieder zuzunehmen, sobald die
hemmende Ursache beseitigt ist. Daraus ergiebt sich, dass noch in
der Gegenwart dieselbe Tendenz obwaltet, und nur durch bestimmte
Hemmnisse eine sehr viel sennellere Volkszunahme zurückgehalten wird.
Dabei muss allerdings darauf aufmerksam gemacht werden, dass ge-
radeso, wie wir es bei primitiven Völkerschaften beobachten, auch bei
höher entwickelten, aber entarteten die entgegengesetzte Erscheinung
eintreten kann, wie zur Zeit des Verfalls des alten Rom, dann gegenwärtig
n Frankreich. Aber wie dort sind auch hier die Erscheinungen auf Ge-
valtmassregeln zurückzuführen, worauf wir zurückzukommen haben werden,
Der schlagendste Beleg, dass auch in der Gegenwart nur that-
zächliche Hemmnisse eine schnellere Volksvermehrung verhindern, ergiebt
Auf höhere:
Kulturstufe.