Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Einwände. 
sich aus der Statistik der Bevölkerungsbewegung, die erkennen lässt, 
Jass bei günstigen Konjunkturen sofort die Bevölkerungszunahme steigt, 
während ungünstige dieselbe sofort vermindern. Das ist nicht nur in 
den Kriegsjahren 1870/71 in dem Rückgange der Geburten und Ehe- 
schliessungen zu verfolgen, sondern demgegenüber gerade in der 
bedeutenden Steigerung der Zahlen nach Beendigung jenes Krieges und 
ler darauf folgenden Entwicklung von Handel und Industrie. Im 
leutschen Reiche kamen von 1871/75 auf 1000 Einwohner 18,84 Neu- 
vermählte, von 1876/80 nur 15,68. Die Zahl der Geburten war von 
:861—70 37,2 pro Mille, 1871/80 39,2, 1881/90 36,7. Ebenso zeigen 
Jann die Jahre wirtschaftlicher Krisis eine Verminderung der erwähn- 
‚en Zahlen, dagegen eine nicht unbedeutende Vermehrung der Mortali- 
jätsziffer, während die letzten Jahre mit wirtschaftlich günstigen Ver- 
hältnissen eine sehr erhebliche Steigerung der Geburtsüberschüsse auf- 
zuweisen haben. Hieraus ergiebt sich, mit welcher Vorsicht die Be- 
völkerung‘ nach dieser Richtung vorgeht, und wie sie unter dem Druck 
der wirtschaftlichen Verhältnisse steht. 
Haben wir so schon den Nachweis zu führen gesucht, dass die 
natürliche Tendenz durch die Kulturfortschritte nicht beseitigt wird, 
so haben wir doch noch auf einzelne Einwände einzugehen, die in dieser 
Beziehung gemacht sind. 
Auf das Entschiedenste ist die Behauptung zurückzuweisen, dass 
die Natur selbst ausgleichend wirke und eine Störung der Harmonie 
nicht zulasse. Von Herbert Spencer, wie von dem Amerikaner 
Carey und Andern ist die Behauptung aufgestellt; dass die grössere 
zeistige Thätigkeit, die Entwicklung des Gehirns, die Verfeinerung des 
Nervensystem’s die Reproduktionskraft des Menschen schwäche, und 
damit von selbst der Volkszunahme auf höherer Kultur Schranken ge- 
zogen werden. Besonders geschieht dies mit dem Hinweis auf die ge- 
ringere Kinderzahl, die sich im allgemeinen in der gebildeten Klasse 
gegenüber der Arbeiterbevölkerung findet. Dies ist aber anf die frei- 
willige Beschränkung zurückzuführen, die sich schon in der erwähnten 
Verzögerung der Eheschliessung äussert. Es ist noch fraglich, ob nicht 
die weit geringere Kindersterblichkeit in den höheren Klassen das End- 
ergebnis völlig ausgleicht, worüber leider ausreichende statistische Unter- 
suchungen noch fehlen. Damit treten wir zugleich der Behauptung 
Talquists (Recherches stat. sur la tendance A une moindre f&condit&. 
Helsingfors 1886) entgegen, der meint, dass Reichtum und Wohlleben 
von selbst auf eine Verminderung der Volkszunahme hinwirke, wofür 
er einen Beweis absolut nicht geliefert hat. Die physiologische Wissen- 
schaft verhält sich ebenso vollständig ablehnend gegen die Aufstellung 
Spencers und seiner Anhänger. 
Von theologischer Seite wird aber die Auffassung eines allge- 
meinen Kampfes um das Dasein infolge der natürlichen Anlagen des 
Menschen bekämpft, weil sie der Harmonie des Schöpfungsplanes wie 
der christlichen Lehre von einem gütig waltenden Schöpfer entgegen 
sei. Dies scheint uns vollständig unbegründet zu sein. Dass der 
Menschheit nicht bestimmt ist, glatt und ungetrübt durch das Leben 
zu gehen, liegt genügend klar zu tage. Der Kampf gegen die Feinde 
des Körpers füllt das ganze Leben des Menschen aus; Krankheit und 
Tod begleiten ihn auf allen seinen Wegen, und es steht veschrieben:
	        
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