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„Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Der
Mensch hat die Aufgabe, sich im Kampf zu bewähren, und zum Kampfe
ist er täglich und stündlich berufen, um darin seine Kraft zu üben.
Worin daher die Auffassung eines Kampfes um das Dasein auf Grund
Jer natürlichen Triebe im Menschen der christlichen Lehre zuwider sein
soll, ist nicht abzusehen. (Kulemann, Christentum und Malthusianis-
mus, Göttingen 1897).
Die Behauptung Careys, Bastiats, Henry Georges u. A,
dass eine wirtschaftliche Schranke der rapidesten Volkszunahme nicht
entgegenstehe, weil mit Zunahme der Volksdichtigkeit die Produktiv-
kraft des Menschen nicht ab- sondern zunähme, trifft offenbar nicht
den Kernpunkt der Lehre. Es ist vollständig richtig, dass die Auf-
fassung Robert Malthus in dieser Beziehung zu eng war, und er
auf Grund der Beobachtungen in seiner Zeit nur’ eine sehr langsame
Zunahme der Produktion für möglich hielt, und ausserdem als Grund-
lage für dieselbe zu ausschliesslich die Beschaffung der Nahrungs-
mittel annahm. Er pointierte diese seine Auffassung bekanntlich dahin,
dass der Mensch die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression
zu vermehren, die Nahrungsmittel aber im günstigsten Falle nur in arith-
metischer, wodurch früher oder später ein Konflikt entstehen müsse,
indem die Unterhaltungsmittel nicht mehr für die Bevölkerung aus-
reichen. Sobald man sein Werk. etwas genauer durchsieht, und sich
nicht auf die Einleitung allein beschränkt, erkennt man leicht, dass er
die mathematische Formel nur gewählt hat, um seinem Gedanken den
klarsten, präcisesten Ausdruck zu geben. Wenn man nun aber gemeint
nat, seine Lehre zu widerlegen, wenn man nachweisen kann, dass zeit-
weise die Steigerung der Lebensmittel weit schneller vor sich gegangen
ist als die Volkszunahme, so ist man damit gar sehr im Irrtum. Was
vorübergehend stattfinden kann, ist darum noch nicht für die Dauer
möglich. Auch Malthus hat nie verkannt, dass der Mensch als
vernunftbegabtes Wesen, der die Folgen seines 'Thuns berechnen kann
und Selbstbeherrschung zu üben vermag, die Beschränkung der Volks-
zunahme in der Hand hat. Er selbst wies nachdrücklich darauf hin,
dass es die Aufgabe des Menschen sei, durch Enthaltsamkeit und Vor-
sicht in der Eheschliessung die Harmonie zwischen der Volkszahl und
der wirtschaftlichen Produktion zu wahren. Er erkannte damit die
Möglichkeit hierzu ausdrücklich an. Aber nach der Erfahrung in
seiner Heimat, nach der historischen Verfolgung der Entwicklung der
Menschheit. traute er dem Fortschritt nicht genügend, er unter-
schätzte die Macht der Kultur ebenso inbezug auf den sittlichen Halt,
wie inbezug auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit, insbesondere
durch geistige Errungenschaften in Gestalt von Erfindungen, die in
der neueren Zeit Dimensionen angenommen haben, die Malthus noch
nicht ahnen konnte, die aber in ihrer nachhaltigen Wirkung doch auch
leicht überschätzt werden können. Es gilt unzweifelhaft noch jetzt, auf
lie Gefahren einer rapiden Volkszunahme aufmerksam zu machen, zu-
zleich aber darauf hinzuweisen, dass dieselben nicht unvermeidlicher
Natur sind. Der Gegensatz, der sich noch jetzt zwischen Anhängern
und Gegnern der geläuterten, sagen wir, modernisierten Malthusschen
Lehre herausstellt, scheint uns hauptsächlich auf einen Wortstreit
hinaus zu kommen.