Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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„Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Der 
Mensch hat die Aufgabe, sich im Kampf zu bewähren, und zum Kampfe 
ist er täglich und stündlich berufen, um darin seine Kraft zu üben. 
Worin daher die Auffassung eines Kampfes um das Dasein auf Grund 
Jer natürlichen Triebe im Menschen der christlichen Lehre zuwider sein 
soll, ist nicht abzusehen. (Kulemann, Christentum und Malthusianis- 
mus, Göttingen 1897). 
Die Behauptung Careys, Bastiats, Henry Georges u. A, 
dass eine wirtschaftliche Schranke der rapidesten Volkszunahme nicht 
entgegenstehe, weil mit Zunahme der Volksdichtigkeit die Produktiv- 
kraft des Menschen nicht ab- sondern zunähme, trifft offenbar nicht 
den Kernpunkt der Lehre. Es ist vollständig richtig, dass die Auf- 
fassung Robert Malthus in dieser Beziehung zu eng war, und er 
auf Grund der Beobachtungen in seiner Zeit nur’ eine sehr langsame 
Zunahme der Produktion für möglich hielt, und ausserdem als Grund- 
lage für dieselbe zu ausschliesslich die Beschaffung der Nahrungs- 
mittel annahm. Er pointierte diese seine Auffassung bekanntlich dahin, 
dass der Mensch die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression 
zu vermehren, die Nahrungsmittel aber im günstigsten Falle nur in arith- 
metischer, wodurch früher oder später ein Konflikt entstehen müsse, 
indem die Unterhaltungsmittel nicht mehr für die Bevölkerung aus- 
reichen. Sobald man sein Werk. etwas genauer durchsieht, und sich 
nicht auf die Einleitung allein beschränkt, erkennt man leicht, dass er 
die mathematische Formel nur gewählt hat, um seinem Gedanken den 
klarsten, präcisesten Ausdruck zu geben. Wenn man nun aber gemeint 
nat, seine Lehre zu widerlegen, wenn man nachweisen kann, dass zeit- 
weise die Steigerung der Lebensmittel weit schneller vor sich gegangen 
ist als die Volkszunahme, so ist man damit gar sehr im Irrtum. Was 
vorübergehend stattfinden kann, ist darum noch nicht für die Dauer 
möglich. Auch Malthus hat nie verkannt, dass der Mensch als 
vernunftbegabtes Wesen, der die Folgen seines 'Thuns berechnen kann 
und Selbstbeherrschung zu üben vermag, die Beschränkung der Volks- 
zunahme in der Hand hat. Er selbst wies nachdrücklich darauf hin, 
dass es die Aufgabe des Menschen sei, durch Enthaltsamkeit und Vor- 
sicht in der Eheschliessung die Harmonie zwischen der Volkszahl und 
der wirtschaftlichen Produktion zu wahren. Er erkannte damit die 
Möglichkeit hierzu ausdrücklich an. Aber nach der Erfahrung in 
seiner Heimat, nach der historischen Verfolgung der Entwicklung der 
Menschheit. traute er dem Fortschritt nicht genügend, er unter- 
schätzte die Macht der Kultur ebenso inbezug auf den sittlichen Halt, 
wie inbezug auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit, insbesondere 
durch geistige Errungenschaften in Gestalt von Erfindungen, die in 
der neueren Zeit Dimensionen angenommen haben, die Malthus noch 
nicht ahnen konnte, die aber in ihrer nachhaltigen Wirkung doch auch 
leicht überschätzt werden können. Es gilt unzweifelhaft noch jetzt, auf 
lie Gefahren einer rapiden Volkszunahme aufmerksam zu machen, zu- 
zleich aber darauf hinzuweisen, dass dieselben nicht unvermeidlicher 
Natur sind. Der Gegensatz, der sich noch jetzt zwischen Anhängern 
und Gegnern der geläuterten, sagen wir, modernisierten Malthusschen 
Lehre herausstellt, scheint uns hauptsächlich auf einen Wortstreit 
hinaus zu kommen.
	        
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