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wachsenden Prozentsatz der Bevölkerung unmöglich ein eigenes Stück
Land zu erlangen, dann überhaupt sich in landwirtschaftlicher Thätig-
keit entsprechenden Unterhalt zu verschaffen. Die Zahl der Beamten-
stellen ist eine eng begrenzte, ein Missverhältnis kann bei Zunahme
der Bevölkerung leicht eintreten. Die Verteilung der Volkskräfte wird
immer schwieriger, Ueberfüllung in bestimmten Zweigen ist nicht zu
vermeiden. In dem besser sitnierten Bürgerstande war es für unsere
Väter. wesentlich leichter durch’s Leben zu kommen, als für uns. Unsere
Kinder werden es in dieser Beziehung schwerer haben, als wir selbst.
Sehr gut hat Rümelin die Aufgaben gekennzeichnet, welche der
Volkswirtschaft aus der Volkszunahme erwachsen. Dieselbe betrug in
der Zeit von 1880—90 4,4 Millionen Menschen. Dies verursachte
einen Mehrbedarf von 18 Millionen Zentner Brotgetreide, 2 Millionen
Zentner Fleisch und anderthalb Milliarden Liter Milch pro Jahr. Das
Volksvermögen musste um 13 Milliarden, das Kinkommen um 1,3 Mil-
‚jarden steigen, um die Lebenslage der Bevölkerung im Durchschnitte
ıicht zu verschlechtern. Es ist in dieser Zeit unzweifelhaft gelungen,
ıicht nur dies zu erreichen, sondern den Wohlstand noch weiter zu
steigern, indem man imstande war, durch Hebung der Intelligenz, durch
Ausbildung der Hilfsmittel wie Maschinen, Verbesserung der Produktions-
nethoden die durchschnittliche Leistungsfähigkeit Aller zu steigern. Durch
Jie Zunahme der Lebensansprüche im Innern des Landes ist cbenso der
ıeranwachsenden Bevölkerung Gelegenheit zu Beschäftigung in aus-
reichendem Masse geboten, wie durch das Arbeiten für den Export.
Unzweifelhaft unterschätzte Malthus diese Expansionskraft, wie sie
unserer Kulturstufe eigen ist, und deshalb urteilte er zu pessimistisch.
Er beging ausserdem den Fehler, zu ausschliesslich die Nahrungsmittel
als Schranke der Volkszunahme anzusehen, während diese auf unserer
Kulturstufe weniger in Betracht kommen, vielmehr weit früher in den
unzureichenden Mitteln eine Schranke gegeben ist, der höheıen
Lebenshaltung entsprechend die nötigen Befriedigungsmittel zu schaffen,
Die Gegner verfallen aber in den entgegengesetzten Fehler, sie ignorieren
die Gefahren, die mit einer grossen Volksdichtigkeit verbunden sind, —
wir haben sie im folgenden Paragraphen des Näheren darzulegen, —
ınd ebenso lassen sie unbeachtet, dass in unserer Bevölkerung die
Vorsicht in der Eheschliessung nicht die Verbreitung gefunden hat,
die unsere Zeit verlangt; denn auch das werden wir später darzulegen
Gelegenheit haben, wie ein grosser Teil des Elends in den unteren
Klassen gerade auf eine vorzeitige, leichtsinnige Familiengründung und
zu grosse Kinderzahl zurückzuführen ist. Zuvor aber haben wir noch
auf einen anderen Punkt einzugehen.
In dem Kampf um das Dasein der menschlichen Rassen und Kampf der
Nationen wird diejenige ihre Ueberlegenheit zeigen und die übrigen ver- Nationalitäten,
drängen, welche die grösste Fruchtbarkeit zeigt, die Rasseneigentüm-
lichkeit wie Nationalität am zähesten bewahrt, und dadurch die grösste
Expansionskraft besitzt, um den KErdball zu occupieren. ‘Nach all
diesen Richtungen zeigte in den letzten Jahrhunderten die romanische
Rasse die geringste Kraft. Ihre Vermehrung war eine verhältnismässig
unbedeutende. Für die Kolonisation hat sie in der neueren Zeit
aur wenig geleistet, wohl aber bekanntlich am Schlusse des Mittelalters,
and vielleicht auch in dem letzten Jahrzehnt, indem Frankreich seinen