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Kolonialbesitz befestigte, und die italienische Bevölkerung in erheblichem
Masse als Auswanderer in den verschiedensten Ländern, besonders in
Südamerika festen Fuss fasste. Die grösste Fruchtbarkeit zeigt gegen-
wärtig die slavische Rasse, Indessen bleibt die germanische nicht
wesentlich dahinter zurück und hat dafür in der Kolonisation so
Ausserordentliches geleistet, dass sie damit in dem letzten Jahrhun-
dert gegenüber den anderen Rassen die grösste Ueberlegenheit ge-
wonnen hat. Innerhalb der germanischen Rasse ist es die englische
Nationalität gewesen, die bei weitem die meisten Fortschritte gemacht
hat, wie das in der Ausbreitung ihrer Sprache schlagend zu tage tritt,
während dagegen die Deutschen die geringste Widerstandskraft gegen-
über anderen Nationalitäten zeigen und ihre Sprache und Eigentümlich-
keit in verhältnismässig kurzer Zeit einbüssen. So kann man schon
mit Zuversicht sagen, dass nach 100 Jahren die romanische Rasse
sehr erheblich in den Hintergrund gedrängt sein wird, dass aber ebenso
die deutsche Rasse und Nationalität vielleicht noch in Europa einen
entsprechenden Platz behaupten dürfte, aber gegenüber der englischen
an Weltbedeutung noch sehr erheblich eingebüsst haben wird.
$ 87.
Die Gefahren einer vorgeschrittenen Kultur.
Ribot, Die Vererbung. Uebers. von Kwurella, Leipzig 1895,
Haycraft, Natürliche Auslese und Rassenverbesserung. Uebers. von Kurella.
Leipzig 1895.
Verspätung
der Ehe-
schliessung.
Fine zunehmende Dichtigkeit der Bevölkerung anf höherer Stufe
der Kultur, welche zugleich Steigerung der Lebensansprüche in sich
schliesst, erschwert die Erlangung einer angemessenen wirtschaftlichen
Position und eines Einkommens, das zur Familiengründung ausreicht.
Auch diese Erscheinung zeigt sich nicht in allen Volksschichten in
der gleichen Weise, vielmehr ausserordentlich verschieden. Die un-
gelernten. Arbeiter erreichen, wie an anderer Stelle dargelegt,
verhältnismässig früh den Gipfelpunkt des Einkommens und können
deshalb schon in einem sehr jugendlichen Alter zur Ehe schreiten,
während es schon für den Handwerker schwieriger ist, sich. selbständig
zu machen oder auch als Geselle einen festen Posten zu finden,
welcher die Gründung eines Hausstandes gestattet. Noch viel schwerer
ist dieses in der sogenannten gebildeten Klasse, zu der der Zudrang ein
wachsender ist, und in der daher die Erwerbsverhältnisse weit schwieriger
und unzulänglicher als in der unteren Klasse sind, zumal sie verhältnis-
mässig höheren Lebensansprüchen zu genügen hat. Zugleich ist die
Vorsicht eine weitergehende, so dass in diesen Kreisen auch die Ver-
zögerung der Ehe am meisten um sich greift.
Die rechtzeitige Verehelichung wird unter unseren Verhältnissen
vei den Männern zwischen dem 25. und 35. Jahre liegen, bei den
Mädchen zwischen dem 20. und 30. Jahre. Bei den ersteren wird es
immer allgemeiner, dass die Ehe erst verspätet eingegangen werden
kann. Das erzwungene Cölibat oder die sehr verbreitete Verspätung
der Eheschliessung schliessen erhebliche Nachteile in sich.
Die Ehe selbst wirkt in hohem Masse sittlich hebend. Die fort-
dauernde Sorge für Andere, die Uebernahme einer Verpflichtung