Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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„ältnissen vor. Bei den primitiven Völkerschaften aber befindet sich 
neist die Gesamtheit im Zustande grösserer Dürftigkeit, die sich oft 
;n wirkliche Hungersnot verwandelt. Selbst in den tropischen Gegen- 
len, wo die Natur ihre Gaben auf das Reichlichste spendet und nur 
sehr wenig Arbeit erforderlich ist, um den Unterhalt zu beschaffen, 
treten öfters elementare Ereignisse ein, welche die gewöhnlichen 
Nahrungsquellen versiegen lassen; Mangel an Regen, Heuschrecken- 
schwärme, heftige Orkane sind bekanntlich auch in den sonst gesegnet- 
sten Gegenden die Ursachen ausgedehnter Not. Gerade weil die 
Mehrzahl der Menschen auf der gleichen Stufe stehen und unter den gleichen 
Verhältnissen leben, erfasst solche Notlage auch die grosse Masse der- 
selben in gleichmässiger Weise, und die dadurch angerichteten Ver- 
heerungen sind weit umfassender als dort, wo eine Ungleichheit in 
Lebensstellung und Besitz vorhanden ist. Es ist daher ein grosser 
Irrtum zu meinen, dass Armut erst eine Folge der Ausbildung des 
Privateigentums und der Ungleichheit des Besitzes ist. 
Im Mittelalter befand sich in Mitteleuropa ein übergrosser Teil 
der Bevölkerung im Zustande äusserster Bedürftigkeit. Aus jedem 
Jahrhundert wird uns über Zeiten allgemeiner Hungersnot berichtet, 
welche die Bevölkerung dezimierte. Noch im Beginne des vorigen 
Jahrhunderts war das Elend der unteren Klassen und die Zahl. der 
Hilfsbedürftigen weit grösser als jetzt. Hierfür nur einzelne Beispiele, 
Aus Wien wurden vor der Belagerung durch die Türken, als die Ge- 
samtbevölkerung kaum 40—50 000 umfasst haben kann, nach Berichten 
7000 Bettler ausgewiesen; in Köln zählte man am Ende des 18. Jahr- 
4underts 12 000 Bettler, in Schottland wurden zur selben Zeit in einem 
Jahre 200000 Vagabunden aufgegriffen. In ganz England zählte man 
dagegen in den letzten Jahren keine 40 000. 
Hat sich so der Zustand der Armut unzweifelhaft vermindert, so 
wird man das kaum von dem der Bedürftigkeit sagen können, weil 
dieselbe ein relativer Begriff ist und mit der Erhöhung unserer Lebens- 
ansprüche und durch die gesteigerte Humanität schon weit früher Be- 
Jürftigkeit angenommen wird als in älterer Zeit, wo die gleichen Be- 
friedigungsmittel, die jetzt als unzureichend angesehen werden, noch 
als völlig auskömmliche galten. Daher kommt die eigentümliche Er- 
scheinung, dass gerade in wohlhabenden Gegenden die Zahl derjenigen, 
denen man aus öffentlichen Mitteln Unterstützung zuerkennt, grösser 
ist als dort, wo notorisch die allgemeinen Verhältnisse viel ärmlicher 
sind, und es wäre ausserordentlich falsch, nach der Statistik der als 
hülfsbedürftig Anerkannten die Wohlhabenheitsverhältnisse verschiedener 
Gegenden und Länder beurteilen zu wollen. Die grosse Zahl der in 
England aus öffentlichen Mitteln Unterstützten ist nicht ein Zeichen 
dortiger Armut, sondern nur der grossen Humanität, der Leichtigkeit, 
nit der Mittel zu solchen Zwecken flüssig zu machen sind, und dafür, wie 
hoch der „standard of life“ gestiegen ist. Einen gewissen Anhalt hierfür 
gyewinnt man durch die Untersuchung, was für eine Beköstigung in den 
Gefängnissen verabreicht wird, wo nur der notwendigste Lebensunter- 
halt geboten werden soll. In dem grossen Gefängnis für schwere 
Verbrecher in London „Milbanks“ erhielten (als wir dasselbe schon 
im Jahre 1875 besuchten) die für längere Zeit Internierten viermal in 
der Woche so bedeutende Portionen Fleisch, wie sie bei uns in dem 
Sehr ver- 
yreitete Be- 
Jürftigkeit in 
Gegenwart.
	        
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