5303
„ältnissen vor. Bei den primitiven Völkerschaften aber befindet sich
neist die Gesamtheit im Zustande grösserer Dürftigkeit, die sich oft
;n wirkliche Hungersnot verwandelt. Selbst in den tropischen Gegen-
len, wo die Natur ihre Gaben auf das Reichlichste spendet und nur
sehr wenig Arbeit erforderlich ist, um den Unterhalt zu beschaffen,
treten öfters elementare Ereignisse ein, welche die gewöhnlichen
Nahrungsquellen versiegen lassen; Mangel an Regen, Heuschrecken-
schwärme, heftige Orkane sind bekanntlich auch in den sonst gesegnet-
sten Gegenden die Ursachen ausgedehnter Not. Gerade weil die
Mehrzahl der Menschen auf der gleichen Stufe stehen und unter den gleichen
Verhältnissen leben, erfasst solche Notlage auch die grosse Masse der-
selben in gleichmässiger Weise, und die dadurch angerichteten Ver-
heerungen sind weit umfassender als dort, wo eine Ungleichheit in
Lebensstellung und Besitz vorhanden ist. Es ist daher ein grosser
Irrtum zu meinen, dass Armut erst eine Folge der Ausbildung des
Privateigentums und der Ungleichheit des Besitzes ist.
Im Mittelalter befand sich in Mitteleuropa ein übergrosser Teil
der Bevölkerung im Zustande äusserster Bedürftigkeit. Aus jedem
Jahrhundert wird uns über Zeiten allgemeiner Hungersnot berichtet,
welche die Bevölkerung dezimierte. Noch im Beginne des vorigen
Jahrhunderts war das Elend der unteren Klassen und die Zahl. der
Hilfsbedürftigen weit grösser als jetzt. Hierfür nur einzelne Beispiele,
Aus Wien wurden vor der Belagerung durch die Türken, als die Ge-
samtbevölkerung kaum 40—50 000 umfasst haben kann, nach Berichten
7000 Bettler ausgewiesen; in Köln zählte man am Ende des 18. Jahr-
4underts 12 000 Bettler, in Schottland wurden zur selben Zeit in einem
Jahre 200000 Vagabunden aufgegriffen. In ganz England zählte man
dagegen in den letzten Jahren keine 40 000.
Hat sich so der Zustand der Armut unzweifelhaft vermindert, so
wird man das kaum von dem der Bedürftigkeit sagen können, weil
dieselbe ein relativer Begriff ist und mit der Erhöhung unserer Lebens-
ansprüche und durch die gesteigerte Humanität schon weit früher Be-
Jürftigkeit angenommen wird als in älterer Zeit, wo die gleichen Be-
friedigungsmittel, die jetzt als unzureichend angesehen werden, noch
als völlig auskömmliche galten. Daher kommt die eigentümliche Er-
scheinung, dass gerade in wohlhabenden Gegenden die Zahl derjenigen,
denen man aus öffentlichen Mitteln Unterstützung zuerkennt, grösser
ist als dort, wo notorisch die allgemeinen Verhältnisse viel ärmlicher
sind, und es wäre ausserordentlich falsch, nach der Statistik der als
hülfsbedürftig Anerkannten die Wohlhabenheitsverhältnisse verschiedener
Gegenden und Länder beurteilen zu wollen. Die grosse Zahl der in
England aus öffentlichen Mitteln Unterstützten ist nicht ein Zeichen
dortiger Armut, sondern nur der grossen Humanität, der Leichtigkeit,
nit der Mittel zu solchen Zwecken flüssig zu machen sind, und dafür, wie
hoch der „standard of life“ gestiegen ist. Einen gewissen Anhalt hierfür
gyewinnt man durch die Untersuchung, was für eine Beköstigung in den
Gefängnissen verabreicht wird, wo nur der notwendigste Lebensunter-
halt geboten werden soll. In dem grossen Gefängnis für schwere
Verbrecher in London „Milbanks“ erhielten (als wir dasselbe schon
im Jahre 1875 besuchten) die für längere Zeit Internierten viermal in
der Woche so bedeutende Portionen Fleisch, wie sie bei uns in dem
Sehr ver-
yreitete Be-
Jürftigkeit in
Gegenwart.