Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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man besonders ödes Land zu kultivieren, während in den Städten Haus- 
industrie gepflegt wird (Anfertigung von Kisten, Besen, Bürsten, 
Strohgeflecht, Harzkugeln ete.; dann Dütenkleben, Kaffeeauslesen, 
Federreissen, Bearbeitung von Droguen, Holzzerkleinern ete. In Magde- 
burg werden Leute zu den verschiedenen Arbeiten in Privathäuser 
vermietet). Jede Anstalt hat eine strenge Hausordnung. Jede Wider- 
setzlichkeit oder Ungebühr wird mit Entlassung bestraft. Auch in 
anderen Ländern, wie in England durch die Heilsarmee, in Holland 
u. 8. w. sind ähnliche Institute eingerichtet. Gut geleitet können die- 
selben ausserordentlich segensreich wirken und ihre Verteilung im 
ganzen Reiche ist ungemein wünschenswert. Die Behörden erhalten 
durch sie die Möglichkeit, Arbeitsscheue von Unglücklichen zu schei- 
den. Wer sich um Unterstützung gegen Arbeitsleistung bewirbt, kann 
einer Kolonie zugewiesen werden; wer sich dagegen sträubt, wird der 
Polizeibehörde überantwortet, welche den Arbeitsfähigen in Haft nimmt 
und in ein Zwangsarbeitshaus überführen kann. Ein Musterinstitut, zu- 
gleich die erste Kolonie in Deutschland, ist Wilhelmsdorf. bei Bielefeld, 
von dem Pastor v. Bodelschwingh gegründet und geleitet. Grosse 
Flächen Moorland sind durch sie in fruchtbaren Boden verwandelt. Wie 
genaue Berechnungen ergeben, stellt sich die Versorgung der Arbeits- 
losen in den Kolonien billiger als bei irgend einer anderen Weise der 
Unterhaltung. Die Magdeburger Station erlangt sogar einen Ueberschuss, 
Erschwert wird die Wirksamkeit der Kolonien durch die Ungleich- 
heit des Zuspruches. Im Winter ist der Zudrang ein bedeutender, 
wo es auch in der Kolonie an Arbeitsgelegenheit fehlt. Im Sommer, 
wo Kräfte gebraucht werden, gehen die Leute ihre eigenen Wege. Die 
Wirkung kann dadurch sogar eine schädliche werden, dass die Leute 
immer wieder zu bestimmten Zeiten in der Kolonie eine Zuflucht 
suchen und sich auf dieselbe verlassen. Daher ist es notwendig, dem 
Missbrauche entgegenzuwirken, In Karlshof in Ostpreussen zahlt man 
bei erstmaliger Wiederkehr vom 15. Arbeitstage an 10 Pf. Tagelohn, 
vei der zweiten Wiederkehr nur 5 Pf., in weiteren Fällen gar keinen 
Lohn. 
Als Ergänzung zu diesen Kolonien sind Naturalverpflegungs- 
stationen anzusehen, wo mittellosen Wanderern gegen eine Arbeits- 
'eistung Unterkunft und Verpflegung für eine Nacht und einen halben 
Tag gewährt wird. Dieselben werden besonders einen günstigen Ein- 
Juss ausüben, wenn sie zugleich den Arbeitsnachweis übernehmen. 
Einzelne solcher Stationen nehmen entlassene Strafgefangene auch für 
‘ängere Zeit auf, bis es gelingt, ihnen eine feste Unterkunft zu ver- 
schaffen. Die Gefahr liegt allerdings vor, durch diese Verpflegungs- 
stationen das Wandern zu unterstützen. Deshalb ist die Bestimmung 
‚vünschenswert, dass jeder sich Meldende, der eine ihm zugewiesene 
Arbeitstelle nicht acceptieren will, sofort der Polizei überwiesen wird. 
In den grösseren Städten reihen sich an die erwähnten Anstalten 
Gesindeherbergen und Asyle für Obdachlose, welche als eine grosse 
Wohlthat für die ärmere Bevölkerung anzusehen sind. Dann Volks- 
küchen, Volkskaffeehänser ete. Sie sollen sich im allgemeinen selbst 
anterhalten, die verabreichten Speisen also zum Selbstkostenpreise ab- 
geben und eine billige und rationelle Kost gewähren.
	        
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