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Die gemeinnützige Bauthätigkeit ist in verschiedener Weise durch-
geführt. Die verbreitetste Form ist die einer Aktiengesellschaft, die
nicht auf Gewinn sondern nur auf eine mässige Verzinsung des Kapitals
Anspruch macht und gute Arbeiterwohnungen schafft, Im Auslande
überwiegt dabei durchaus das Streben, die Häuser in den Besitz der
Arbeiter selbst übergehen zü lassen, während man in Deutschland mehr
und mehr davon abgekommen ist. Es zeigte sich, dass bei den schnell
steigenden Bodenwerten die Einzelhäuser zu theuer werden, bei dem
niedrigen Lohn die Arbeiter nur selten in der Lage sind, sich da, wo
es am wünscheswertesten ist, in den grossen Städten, eigene Hänser
zu erwerben oder die erworbenen in: der Hand zu behalten. Man
geht deshalb immer allgemeiner dazu über, grössere Häuser zu bauen
und darin gute und billige Mietwohnungen einzurichten, wodurch der
Arbeiter seine Bewegungsfreiheit behält. In kleineren Städten ist der
Erwerb der Häuser leichter durchzusetzen. Hierfür ist die zuerst in
Kopenhagen, jetzt auch in Deutschland vielfach angewandte Form der Bau-
genossenschaften oder Spar- und Bauvereine empfehlenswert, bei welchen
die Arbeiter durch mässige Beiträge und KEintrittsgeld die Mitglied-
schaft erlangen, und durch die Ansammlung der Einzahlungen die Er-
werbung eines Hanses oder Halbhauses ermöglicht wird. Wichtig ist
die Mitwirkung der Arbeiter selbst, die ihre Bedürfnisse und Wünsche
dabei zur Geltung bringen können.
Der arbeitende Mensch bedarf der Erholung und Abwechslung, Vereine zur
er schafft sie sich, wie er sie findet. Daher ist es von der höchsten Ws der
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Bedeutung, ihm Gelegenheit zu geben, die Erholung in einer edleren verpnügungen.
Weise zu. geniessen, weil er sonst leicht der Verrohung, vor allem
dem Alkoholismus anheim fällt. Bestrebungen der gebildeten Klasse,
persönlich mitzuwirken, um durch Vorträge, durch musikalische und
sonstige Aufführungen der unteren Bevölkerung hebende Unterhaltung
zu gewähren, sind deshalb möglichst zu fördern.
In dieser Hinsicht geschieht in der neueren Zeit namentlich von
Geistlichen sehr viel. Aber es ist nötig, dass auch Vereine, die nicht
mit der Kirche in Verbindung stehen, daneben die gleiche Thätigkeit
übernehmen. So ist mit grossen Erfolg in Dresden durch Geheimrat
Böhmer, in Berlin durch die Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtsein-
richtungen in grossartiger Weise für bildende Unterhaltung gesorgt.
Es werden der Arbeiterbevölkerung durch kostenlose Mitwirkung der
ersten Künstler vorzügliche Konzerte zu minimalen Preisen geboten;
Fachmänner übernehmen allsonntäglich die Führung von Arbeitern in
die. Museen und suchen durch Vorträge Interesse und Verständnis
für alles Gute und Schöne zu wecken. In gleicher Richtung arbeiter:
auch die volkstümlichen Hochschulkurse.
Eine Einrichtung, die schliesslich noch zu erwähnen ist, und wohi
angethan erscheint, noch einmal eine höhere Bedeutung zu gewinnen,
sind die sogenannten Settlements, die in England und Amerika
schon eine beachtenswerte Verbreitung gefunden und anerkanntermassen
überaus segensreich gewirkt haben, Man kann sie vielleicht am besten
als Wohlfahrtsstationen bezeichnen, die mitten in die Arbeiter- und
Armenviertel gelegt. sind, um nach allen Richtungen geistig und sitt-
lich hebend auf die unteren Klassen zu wirken. Es werden : zunächst
einzelne Häuser gemietet. dann gekauft oder gebaut, um zunächst
Settlements.