Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Die gemeinnützige Bauthätigkeit ist in verschiedener Weise durch- 
geführt. Die verbreitetste Form ist die einer Aktiengesellschaft, die 
nicht auf Gewinn sondern nur auf eine mässige Verzinsung des Kapitals 
Anspruch macht und gute Arbeiterwohnungen schafft, Im Auslande 
überwiegt dabei durchaus das Streben, die Häuser in den Besitz der 
Arbeiter selbst übergehen zü lassen, während man in Deutschland mehr 
und mehr davon abgekommen ist. Es zeigte sich, dass bei den schnell 
steigenden Bodenwerten die Einzelhäuser zu theuer werden, bei dem 
niedrigen Lohn die Arbeiter nur selten in der Lage sind, sich da, wo 
es am wünscheswertesten ist, in den grossen Städten, eigene Hänser 
zu erwerben oder die erworbenen in: der Hand zu behalten. Man 
geht deshalb immer allgemeiner dazu über, grössere Häuser zu bauen 
und darin gute und billige Mietwohnungen einzurichten, wodurch der 
Arbeiter seine Bewegungsfreiheit behält. In kleineren Städten ist der 
Erwerb der Häuser leichter durchzusetzen. Hierfür ist die zuerst in 
Kopenhagen, jetzt auch in Deutschland vielfach angewandte Form der Bau- 
genossenschaften oder Spar- und Bauvereine empfehlenswert, bei welchen 
die Arbeiter durch mässige Beiträge und KEintrittsgeld die Mitglied- 
schaft erlangen, und durch die Ansammlung der Einzahlungen die Er- 
werbung eines Hanses oder Halbhauses ermöglicht wird. Wichtig ist 
die Mitwirkung der Arbeiter selbst, die ihre Bedürfnisse und Wünsche 
dabei zur Geltung bringen können. 
Der arbeitende Mensch bedarf der Erholung und Abwechslung, Vereine zur 
er schafft sie sich, wie er sie findet. Daher ist es von der höchsten Ws der 
£ P z e . olks- 
Bedeutung, ihm Gelegenheit zu geben, die Erholung in einer edleren verpnügungen. 
Weise zu. geniessen, weil er sonst leicht der Verrohung, vor allem 
dem Alkoholismus anheim fällt. Bestrebungen der gebildeten Klasse, 
persönlich mitzuwirken, um durch Vorträge, durch musikalische und 
sonstige Aufführungen der unteren Bevölkerung hebende Unterhaltung 
zu gewähren, sind deshalb möglichst zu fördern. 
In dieser Hinsicht geschieht in der neueren Zeit namentlich von 
Geistlichen sehr viel. Aber es ist nötig, dass auch Vereine, die nicht 
mit der Kirche in Verbindung stehen, daneben die gleiche Thätigkeit 
übernehmen. So ist mit grossen Erfolg in Dresden durch Geheimrat 
Böhmer, in Berlin durch die Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtsein- 
richtungen in grossartiger Weise für bildende Unterhaltung gesorgt. 
Es werden der Arbeiterbevölkerung durch kostenlose Mitwirkung der 
ersten Künstler vorzügliche Konzerte zu minimalen Preisen geboten; 
Fachmänner übernehmen allsonntäglich die Führung von Arbeitern in 
die. Museen und suchen durch Vorträge Interesse und Verständnis 
für alles Gute und Schöne zu wecken. In gleicher Richtung arbeiter: 
auch die volkstümlichen Hochschulkurse. 
Eine Einrichtung, die schliesslich noch zu erwähnen ist, und wohi 
angethan erscheint, noch einmal eine höhere Bedeutung zu gewinnen, 
sind die sogenannten Settlements, die in England und Amerika 
schon eine beachtenswerte Verbreitung gefunden und anerkanntermassen 
überaus segensreich gewirkt haben, Man kann sie vielleicht am besten 
als Wohlfahrtsstationen bezeichnen, die mitten in die Arbeiter- und 
Armenviertel gelegt. sind, um nach allen Richtungen geistig und sitt- 
lich hebend auf die unteren Klassen zu wirken. Es werden : zunächst 
einzelne Häuser gemietet. dann gekauft oder gebaut, um zunächst 
Settlements.
	        
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