Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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geschieht, zu meinen, dass diese Arbeitsvereinigung schädlich wirke, 
indem nun in keinem Gewerbe etwas Rechtes geleistet werde. Dazu 
liegt absolut kein Grund vor, während es dagegen ein Vorteil ist, 
wenn, wie es häufig der Fall, auf dem Lande nicht für den Hand- 
werker eine gleichmässige Beschäftigung zu finden ist, in dem land- 
wirtschaftlichen Betriebe Gelegenheit zu ciner ergänzenden Thätigkeit 
geboten wird, Auf die Bedeutung der Hausindustrie für den kleinen 
Bauern haben wir später noch besonders einzugehen. 
In früheren Zeiten wurde gewöhnlich der Satz aufgestellt, dass 
der kleinere Betrieb durch Mehraufwand von Arbeit einen höheren 
Rohertrag zu erzielen vermöge, der grosse dagegen einen höheren Rein- 
ertrag. Er wird gegenwärtig vielleicht noch zwischen der Spatenkultur 
und dem intensiven Grossbetrieb aufrecht erhalten werden können, 
aber auch da durchaus nicht allgemein, denn die Erträge sind bei 
letzterem heutigen Tages auch ausserordentlich gesteigert. Fraglich 
bleibt es aber, ob er dabei einen grösseren Reinertrag zu gewinnen vermag. 
Wir möchten deshalb denselben heutigen Tages nicht mehr als allge- 
meiner zutreffend anerkennen, und zwischen dem bäuerlichen und dem 
Gutsbetriebe ist er bei derselben Kultur sicher nicht richtig. Bei ver- 
schiedenem Kulturbetriebe ist aber überhaupt die Vergleichung nicht 
durchzuführen. Dagegen ist es unzweifelhaft richtig, dass der Kleinbetrieb 
eine grössere Zahl von Menschen beschäftigt, deshalb mehr landwirt- 
schaftliche Produkte absorbiert. Der Grossbetrieb ist daher imstande, 
mehr an die städtische Bevölkerung abzugeben, während er sowohl eine 
geringere Landbevölkerung, wie einen geringeren Viehbestand unterhält. 
Was nun als das Wünschenswertere anzusehen ist, hängt natürlich ganz 
von den Verhältnissen ab. Rein wirtschaftlich betrachtet wird der 
Grossgrundbesitz dann erspriesslicher sein, wenn die ersparten Arbeits- 
kräfte in der Stadt eine bessere Verwendung zu finden vermögen, 
eventuell in der Arbeit für den Export, als in der Getreideproduktion. 
Hier ist aber der wirtschaftliche Gesichtspunkt nicht allein massgebend, 
a.h. die Frage der Produktion muss gegenüber den sozialen und poli- 
tischen Gesichtspunkten zurücktreten. 
Politische Be- Es wurde bereits berührt, dass die ländliche Bevölkerung als die 
deutung. kräftigste und gesundeste die Grundlage für unsere Wehrkraft bildet 
und wenigstens bis jetzt nuch nicht entbehrt werden kann, um den 
Städten immer frisches Blut zuzuführen und ihre Regeneration zu be- 
wirken. Dazu wird eine starke ländliche Bevölkerung in hohem Masse 
wünschenswert sein, auch wenn sie nicht so produktiv wirkt wie die 
industrielle. Es wird ferner wünschenswert sein, einen möglichst 
grossen Teil der Nahrungsmittel im Lande selbst zu erzeugen, um da- 
mit möglichst unabhängig von dem Auslande dazustehen. Wo da die 
schädliche Grenze in dem einzelnen Falle liegt, wird gewiss nicht leicht 
festzustellen sein, 
Der Grossbetrieb hat noch eine besondere Bedeutung dadurch, 
dass er eine grössere Zahl unabhängiger gebildeter Leute auf dem 
Lande erhält, die für die Selbstverwaltung von ausserordentlichem 
Nutzen sind. Dies wird um so wichtiger sein, je niedriger die Bildungs- 
stufe ist, auf welcher die grosse Masse der Bauern steht, und je unzu- 
reichender sie sich für die Selbstverwaltung erweisen. Dagegen wird 
der mittlere und grössere Bauer wiederum durch seine grössere Zahl
	        
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