Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

34 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1542 
England besaß 1794 etwa 22,5, 1836 30, 1858 90, 1885 110 Mill. 4 metallischer 
Lirkulationsmittel; es hatte 1816—85 für etwa 252 Mill. Goldmünzen geprägt. 
Deutschland hatte Ende 1900 2800 Mill. Mark Gold und 880 Mill. Mark Silber in 
Cirkulation, zusammen 38680 Mill. oder 64 Mill. auf eine Million Seelen; Preußen 
hatte 1809-86 92,6 Mill. Mark auf eine Million geprägt, also 1886 wohl auch auf 
eine Million Menschen 80—50 Mill. Mark Umlaus. Veutschland hat 1872 -1900 
3807 Mill. Mark netto in Gold geprägt; 1000 Mill. Mark sind ins Ausland gegangen 
oder eingeschmolzen worden. 
Der Münzvorrat jedes Landes an Vollgeld ist ein nationaler Schatz, der stets 
so groß sein muß, um mäßige, zeitweilige Abgänge durch Einschmelzung und Export 
zu ertragen; vollends wenn ein Land selbst Edelmetall erzeugt oder wie England der 
Mittelpunkt des Weltedelmetallhandels ist, so wird neben dem Barrens oft auch ein 
Münzabfluß je nach den Schwankungen der internationalen Handels- und Zahlungs 
verhältnifse sich ergeben, ja sehr vorteilhaft sein können. Nur ein gewifsses Maß und 
eine gewisse Dauer dürfen solche Abflüsse nicht überschreiten, wenn nicht der Geldverkehr 
des Landes leiden soll. Es können dadurch große Mißstände, eventuell eine schlimme 
Papiergeldwirtschaft entstehen. 
Uber den Abfluß der einheimischen Münze ins Ausland durch übermäßige Papier— 
geldausgabe und falsche Währungspolitik reden wir an anderer Stelle. Abgesehen 
hievon hängt dieser Abfluß, sofern er als dauernder auftritt, wesentlich von den inter⸗ 
nationalen Bilanzverhältnifsen, d. h. von der Größe der gesamten Zahlungen in das 
Ausland und vom Ausland ins Inland ab. Ein Land, das regelmäßig mehr ein⸗ 
heimische Waren exportiert als fremde importiert (GGandel bilanz), oͤder gar mehr 
Zahlungen im ganzen vom Ausland empfängt als an dieses zu machen hat (Zahlungs⸗ 
bilanz), wird eher einen Metall- und Münzüberfluß haben. Ein armes, verschuldetes 
Land mit dauernd ungünstiger Bilanz aber (d. h. mit größeren Zahlungen an das Aus— 
land als von ihm) wird schwer seine Münze behaupten können, ohne tiefeinschneidende 
handelspolitische Maßregeln, welche seine Zahlungen ins Gleichgewicht zu bringen suchen. 
Er kann sonst leicht zur Papierwährung gettieben werden und wird diese schwer wieder 
los, ohne die erwähnte Umgestaltung seiner Bilanz. Die früheren Hülfsmittel sich 
dagegen zu schützen, waren Geldausfuhrverbote und Erhebung eines hohen Schlag— 
schatzes; beide werden heute mit Recht verworfen, das erstere als undurchführbar; das 
letztere ist zwar wirksam, aber ruiniert zugleich das eigene Münzwesen; man macht die 
eigene Münze damit so schlecht, daß kein Fremder sie haben will. Nur das ist an 
dieser Maßregel richtig, daß man für Private nicht ohne Ersatz der Prägekosten prägen 
soll. Erhebt man sie, so werden immer eher die Barren, als das gemuͤnzte Geld aͤb— 
fließen. 
Überall aber werden vorübergehende Umstände eintreten (z. B. Bezug großer 
Getreidemengen nach einer schlechten Ernte), welche zeitweisen Abfluß des Edelmetalls 
und der Münzen hervorrufen. Man hat früher auch hiefür in Ausfuhrverboten und 
Schlagschatz das Heilmittel gesehen. Heute weiß man, daß solche vorübergehende Abflüsse 
sich meist rasch wieder ausgleichen, und daß sie leicht einzuschränken find durch eine 
richtige Diskontopolitik der großen Centralbanken. Wo nämlich große Centralbanken 
die Hauptmünzvorräte in Hünden haben (von Frankreichs Münzen liegt etwa !/ in 
der französischen Bank), geschehen die Abflüsse nach außen in der Weise, daß Kredite 
bei der Bank erbeten werden, um die Zahlungen zu machen. Erhöht sie nun den 
Zinsfuß (Diskonto) hiefür, und läßt sie sich sogar stets für solche Zahlungen eine kleine 
Prämie (Goldprämie) gewähren, so hemmt sie den Abfluß ziemlich rasch und wirkt durch 
diese Maßregeln indirekt auf eine Gestaltung der Bilanzverhältnisse, welche den Abfluß 
unnötig macht. 
Wir jsehen durch diese Ausführungen, daß auch heute für jedes Land die Erhaltung 
einer reichlichen guten Geldeirkulation keine einfache Sache ist, und wie die wirtschaft 
liche Politik von den verschiedensten Seiten her dazu mitwirken muß. Und dabei häben
	        
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