549)] Die neueren Doppelwährungstheorien. 91
Wert, indem er es zu Geld mache“ (Arendt). In der praktischen Argumentation verwiesen
sie vor allem darauf, daß die Goldproduktion von 1860 -85 zurückgegangen sei; sie
zlaubten an die düsteren Prophezeihungen von Süß, daß sie bald ganz aufhören werde.
Von 1883 —-1899 trat nun freilich wieder eine Steigerung der Goldproduktion aufs
dreifache ein, und diese verstärkte Produktion wird nach der Ansicht der Sachverständigen
für die nächsten 20—40 Jahre sicher vorhalten.
Angenommen nun, das Ziel der Bimetallisten sei zunächst erreicht, ein Doppel—
währungsbund zwischen Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutsch—
land, vielleicht auch einiger anderer kleiner Staaten geschlossen, so würde doch sicher
die ganze übrige Welt, es würden die Papier- und Silberländer nicht beitreten; der
Anschluß Indiens und Chinas könnte gar nicht erwünscht sein, weil sie wahrscheinlich
bei ihrer günstigen Zahlungsbilanz dann rasch das europäische Gold anstatt des Silbers
an sich zögen. Nehmen wir an, es sei zunächst gelungen, die Wertrelation von Gold
und Silber bei 16—20 oder auch bei 30 zur vorläufigen Ruhe zu bringen, die kleinen
Oseillationen, wie sie 1830 —585 Frankreich sein Silber, 1380 — 1660 Deutschland sein
Gold raubten, würden doch rasch wieder kommen. Nun sagen die Bimetallisten, das
kann den europäischen Staaten, welche die Gläubiger der Silberländer sind, nicht viel
schaden; sie haben die Bilanz für sich, also wird man ihnen ihr Gold nicht leicht ent—
ziehen können. Aber Rußland, Indien und andere Getreideerportstaaten haben oft eine
sehr günstige Zahlungsbilanz. Sie würden aller Wahrscheinlichkeit nach die Gelegen—
heit eines Goldagios in den Bundesstaaten über kurz oder lang benutzen, um dem
Bunde sein Gold zu rauben. In diesem Augenblicke würden die größten und reichsten
Blieder der Vereinigung sicher ihr untreu werden; um ihr Gold zu retten, würden sie die
Silberprägung sistieren oder eine andere Relation statuieren. Thäten sie es nicht, so
bekämen sie die nun überwiegende Silberwährung und damit ein unvollkommenes Geld⸗
wesen. Sie gäben sonst in dem Kampf um den wirtschaftlichen Vorrang freiwillig
eines der besten Machtmittel aus der Hand. Jeder englische Kaufmann weiß, was es
F ist, daß in der ganzen Welt der englische goldene Sovereign als das beste
eld gilt.
Es ist aber gar nicht zu erwarten, daß es zu dem Bunde kommt; es ist nicht
denkbar, daß die Wiederherstellung des Silberwertes von 1: 15,5 und daß die Stabili—
sierung irgend welcher wesentlich erhöhten Relation auf Jahre hinaus gelinge. Um
Derartiges zu erreichen, wäre eine Einschränkung der Silberprodüktion auf die Hälfte
»der auf ein Viertel der Gegenwart nötig, wie sie einst 1836—75 bestand. Die Ver—⸗
taatlichung aller Silberbergwerke der Welt und ein Völkerbund oder ein Kartell aller
Bergwerke, welche die Erzeugung von Silber einschränkend regulierte, ist undenkbar,
ichon weil Silber meist ein Nebenprodukt der Blei- und Kupfergruben ist, weil die
Silberproduktion teilweise in Ländern ohne starke zuverlässige Regierung stattfindet, und
eine Kontrolle dieser Einschränkung nicht denkbar ist. Eine Hebung des Silberpreises
auf sein altes Niveau würde statt der Einschränkung der Silberproduktion eine starke
Vermehrung von 4885 auf 7—8 Mill. Kilogramm jährlich und damit einen neuen
Silbersturz erzeugen. Nur der niedrige jetzige Silberpreis kann es dahin bringen, daß
der Silberkonsum für Gerätschaften und der Silberexport nach den halbcivilisierten
Staaten so wächst, daß der heutige Silberüberschuß absorbiert wird.
Der Glaube, daß mit der Doppelwährung einiger Kulturstaaten die Silber—
aachfrage so steige, um die heutige Silberproduktion zum alten Preis oder auch zu
ꝛinem ermäßigten aufzunehmen, vergißt, daß von den 42-483 1493 -1895 erzeugten
Milliarden Mark Silber nach Annahme Klüpfels nur 9 Milliarden als Münze in den
Kulturländern eirkulieren, daß auch Soetbeer nur !/s bisls der Gesamtproduktion von
Gold und Silber als vermünzt voraussetzt. Andere Schätzungen gehen allerdings bis
zur Hälfte. Aber jedenfalls bildet für alles Edelmetall die Rachfrage für Muünzzwecke
aur einen Faktor, teilweise nicht einmal den wichtigsten des Wertes; und für die Grenze
eines sinkenden Wertes sind die Zwecke bestimmend, die sich als die unwichtigeren dar—
stellen, der Grenzwert. Eine verstärkte Vermünzung von Silber, wie sie 3. B. in den