94 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [352
wirtschaft gehabt, die reine Naturalwirtschaft wäre fast unauffindbar. Es handelt sich
also für die letzten 42565 Jahrtaufende und die geschichtlichen Völker so ziemlich überall
thatsächlich um eine gewisse Mischung von Natural- und Geldwirtschaft, um eine Stufen—
reihe der Geldentwickelung von kümmerlichen Ansätzen bis zur vollen Ausbildung. Und
es ist dadurch begreiflich, daß für Altertum und neuere Entwickelung die verschiedensten
Epochen als die des Sieges der Geldwirtschaft angesprochen werden, wobei die betreffenden
Historiker und Nationalökonomen offenbar je an verschiedene Stadien dieser Ent—
wickelung gedacht haben.
Lag uns aber in der historischen Erzählung daran, diese Stufen zu unterscheiden,
so wollen wir zunächst mal versuchen, von ihnen in abstrakter Weise abzusehen und das
Typische und Wesentliche der Natural- und der Geldwirtschaft hervorzukehren.
Freilich dürfen wir dabei nicht bloß sagen: bei der Naturalwirtschaft werden
Güter gegen Güter direkt, bei der Geldwirtschaft Güter gegen Geld, also Güter gegen
Güter nur indirekt getauscht. Das ist zwar richtig, aber trifft nur ein Außerliches, und
es erweckt vollends einen falschen Schein, wenn man sich einbildet, es hänge vom Belieben
der Menschen ab, ob sie so oder so tauschen wollen. Der Gegensatz ist ein tieferer,
allgemeiner, die ganze Ordnung der wirtschaftlichen und allgemeinen Beziehungen der
Menschen untereinander beherrschender. Es handelt sich bei der Natural- wie bei der
Geldwirtschaft um typische Formen des socialen und wirtschaftlichen Lebens, die die
Menschen in bestimmter Weise verbinden, gruppieren, in Beziehungen bringen; bei der
einen wie bei der andern stehen neben Leistung und Gegenleistung freie und erzwungene
einseitige Leistungen, aber in verschiedenem Umfsang und in verschiedener Art. Der
Typus der Naturalwirtschaft ist das familienweise Zusammenarbeiten und Zusammen—
konsumieren ohne wesentliche Arbeitsteilung, der Typus der Geldwirtschaft ist das
Kaufen und Verkaufen auf dem Markt und das arbeitsteilige geldbezahlte Zusammen—
wirken in Unternehmung und Volkswirtschaft, in Gemeinde und Staat. Wo die Natural—
wirtschaft über die Familie hinausgeht, wo sie in Grundherrschaft, in Krieger- und Priester—
staaten der alten Zeit zu großen Gebilden kommt, müssen diese die Familie, ihre herrschaft—
liche Ordnung, ihre Güterverteilung nachahmen. Alle Naturalwirtschaft setzt nahestehende
Menschen, die in dauernder Gebundenheit für und miteinander arbeiten, voraus. Ihr letzter
Zweck bleibt die Eigenversorgung, ihre Form ein Anordnungs- und Verteilungszwang,
eine herrschaftliche, bevormundende Fürsorge; die vielen Gehorchenden können schwer ganz
gerecht gelohnt werden, aber sie haben überall die Hülfen und Stützen, die Liebe und
Teilnahme des sie umfassenden Verbandes. Die Wirtschaftsführung beruht nicht auf
Wert und Preis, auf genauer Rechnung und rationeller Umsicht, sie zielt nicht auf
Gewinn und Erwerb, sie ist ganz den anderen Lebenszwecken untergeordnet. Die Geld—
wirtschaft setzt an die Stelle der Naturallieferung den Kauf, an Stelle von Grundstücks—
zuweisung Gehalt und Lohn; sie hat nicht die Eigen- sondern die Marktversorgung
und den erzielten Preis, die Steuerzahlung und Ahnliches im Auge. Sie entsteht mit
der Arbeitsteilung, dem wachsenden Verkehr, sie verbindet Tausende und Millionen,
wo die Naturalwirtschaft wenige, Dutzende, höchstens Hunderte verknüpfte; aber
sie läßt die einzelnen Verknüpften freier, sie findet sie mit Geldzahlungen ab, die
auf Werten, Preisen, vielfach auf losen, kurzen Verträgen beruhen. Auch wo Zwang
und staatliche Ordnung sich der Geldwirtschaft bedient, ist die Gebundenheit eine viel
geringere. Immer ist die Wirtschaftsführung durch die Beziehung auf Wert und
Preis eine rationell geordnete, meist eine weitsichtigere.
Wollen wir etwas konkreter sprechen, so können wir uns der Schilderung Hilde—
brands vbedienen, der in geistreicher Weise, das spätere Mittelalter mit dem 19. Jahr—
hundert vergleichend, Natural- und Geldwirtschaft etwa so einander entgegensetzte: der
Feudalstaat, das Lehnwesen, die bäuerlichen Raturallasten, die persönliche Fesselung an
die Scholle, der Mangel von Gewerbe, Handel und Konkurrenz sind wie die Fundierung
von Kirche und Staat auf Domänen die Folgen der Naturalwirtschaft. Erst das Geld
erzeugt als aufbewahrungsfühiges Gut das Kapital, schafft freie Arbeiter und freien
Grundbesitz, erzeugt den Markt, das Gewerbe, den Handel, es beseitigt die alten Verbände