555) Präcisierung und Rationalisierung der Wirtschaft durch das Geld. 97
Steuerkraft) auf Zurückdrängung der Naturalwirtschaft, Ausbreitung der Geldwirtschaft
hinwirkten.
Wenn wir in der anderen Beziehung darnach fragen, was die allgemeinen volks—
wirtschaftlichen und psychologischen Folgen der Geldwirlschaft gewesen seien, so müffen
wir natürlich dabei ihre verschiedenen Stufen und historischen Modifikationen auch etwas
im Auge behalten, werden aber doch diese Unterschiede mehr in den Hintergrund rücken,
wir werden das Allgemeine, mehr oder weniger überall Eintretende voranstellen müfsen.
Es ist nicht übertrieben, wenn man in der Ausbildung des ganzen Geldwesens die
Entstehung einer der wichtigsten volkswirtschaftlichen Institutionen uüͤberhaupt gesehen hat.
Sagt doch Klüber: außer der Sittenlehre sind Sprache, Schrift, Geld und Post die
vier größten Kulturmittel der Menschheit. Es giebt, sagt Lauderdale, keine Maschine,
die so viel Arbeit erspart. Hume parallelifiert die Naturalwirtschaft mit Bedürfnis—
losigkeit, Trägheit, Roheit, Unfreiheit und vorherrschendem Ackerbau, die Geld—
wirtschaft mit Fleiß, Industrie, Handel, Freiheit und Bildung. J. G. Hoffmann
meint, auch bei der größten Fülle der Natur bleiben Länder mit Naturalwirtschaft
arm; der steigende Wohlstand der europäischen Länder seit 400 Jahren, und mit ihm
Wissenschaft, Kunst und Gesfittung beruhten wesentlich auf dem Übergang zur Geld—
wirtschaft. Hoffmann möchte den verschiedenen Reichtum der einzelnen Länder Europas
mit dem Alter der Geldwirtschaft in den einzelnen in Zusammenhang bringen. Es ist
jedenfalls richtig, daß wir als reiche, volkswirtschaftlich blühende Staaten stets in
Geschichte und heutiger Vergleichung nur solche bezeichnen mit einem guten Geldwesen,
mit ausgebildeter Geldwirtschaft.
Aber wir fragen mit Recht, was waren denn nun die wichtigsten direkten Folgen
des Geldes. Ich betone ein erstes. Indem die Edelmetallprägung sich nach und nach
durchsetzte, indem alle wirtschaftlichen Vorgänge auf Münze uͤd Geld bezogen wurden,
rückte das Geld über alle anderen Güter und Waren empor, es wurde das begehrteste
wirtschaftliche Gut, die disponibelste Ware, mit der man alles kaufen, mit der man
am besten thesaurieren, Zahlungen überall hin machen konnte; das Geld wurde so der
Tauschmesser und Tauschmaßstab für alle anderen wirtschaftlichen Werte; diese wurden so
auf einen Nenner gebracht, vergleichbar gemacht; fie erreichten nun so Genauigkeit, zahlen—
mäßige Bestimmtheit; alle anderen Güter erhielten damit neben ihrer technisch nalürlichen
Brauchbarkeit eine in Geld ausgedrückte abstrakte Gebrauchs- und Vermögensqualiiät,
die Eigenschaft, in der das Geld sie vertreten kann. Die Produktionsmittel wurden auf
diese Weise zu einem in Geld geschätzten Kapital; der Kapitalverkehr konnte nur in der
Form der Geldwerte seine höhere Ausbildung gewinnen. Nur mit Geldwerten konnte
man Roh—- und Reinertrag berechnen, durch die Buchführung in Geld eine Kontrolle
und Übersicht aller wirlschaftlichen Vorgänge schaffen; nur so konnte man rationell
kontrollieren, ob man mit Gewinn oder Verlust arbeite und wirtschafte, ob die Auf—
wendungen dem Erfolge entsprächen. Die vollendet kluge und klare Rationalität alles
Wirtschaftslebens ist nur mit und durch das Geld und durch die Geldrechnung ent—
standen. Der vekaunte Vergleich vom Geld- mit dem Blutumlauf hat seine Wurzel
in der Geldqualität, die alle Waren und Leistungen annehmen; man sagt, wie alle
Nahrung sich in Blut umsetzt und in dieser Form alle Organe nährt, so setzt sich alle
wirtschaftliche Gütererzeugung heute in Geldwert um, alles Einkommen ist ebeufalls
Geldwert und fetzt sich nun durch Einkauf wieder in verbrauchliche Güter um.
Der zweite zu erwähnende Punkt ist folgender: die höhere Vergesellschaftung durch
Arbeitsverbindung und ⸗teilung, durch Verkehr und Handel ist auch ohne Muͤnzgeld
möglich, aber schwierig; die Zahl der ohne Geld zu verbindenden Menschen ift gering, die
Steigerung ihrer Leistung ist mäßig. Das Geld ist es, das größere Menschengruppen in
Staat und Gemeinde viel leichter dum Zufammenwirken und zur Arbeitsteilung bringt,
das der letzteren erst die volle Durchführung, ihre bedeutenden, ja riesenhaften Erfolge er—
nöglicht, das erst die lebendigen Märkte, den großen Handel und Verkehr schafft. Ein
sehr erheblicher Teil dessen, was man der Arbeitsteilung und dem Verkehr nachrühmt,
was sie an Wertsteigerung, an Potenzierung der Arbeitsleistungen schaffen, dankt man
Schmoller, Grundriß der Bolkswirtschaftslehre. 11. 1 4 Auft