98 Drittes Buch. Der' gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [556
dem Gelde oder vielmehr den gesellschaftlichen Einrichtungen, wie sie durch das Geld
mit der Arbeitsteilung und dem Verkehr erwuchsen. Man wird so allerdings zugleich
jagen müssen, daß häufig das einseitige Lob des Geldes ebenso oder mehr der Arbeits—
teilung, dem Verkehr, dem Handel, dem Kredit, den heutigen Gemeinde- und Staats—
einrichtungen, die auf Geld basieren, zu spenden sei. Man wird nie vergessen dürfen,
daß es sich hierbei um lauter große gesellschaftliche Institutionen handelt, für die das
Geld eine, vielleicht oft nicht mal die wichtigste, jedenfalls nur eine neben zahlreichen
anderen Vorbedingungen sei.
Das dritte, was in die Augen springt, ist die Thatsache, daß der Geldverkehr die
wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen unter einander in eine losere Form bringt;
die einzelnen, die in Geldform sich berühren, rücken auseinander, ihre gegenseitige
Beeinflussung und Abhängigkeit nimmt ab, sie treten in eine Art abstrakter Ferne zu
einander, wie ich es öfter schon im ersten Teile bezeichnete. Aber dafür verbindet die
Geldwirtschaft viel zahlreichere Menschen, macht große Organisationen und Betriebe,
Vereine und Heere, Gemeinden und Staaten erst recht möglich. Ohne Geldwirtschaft
ist weder der moderne Individualismus und die persönliche Freiheit, noch der moderne
Großstaat mit seinen Finanzen, seiner Wirtschaftspolitik möglich. Wer diese zwei
Refultate für große Fortschritte der Menschheit hält, muß auch dem Gelde als einem
Mittel dazu seinen Dank zollen. So bekannt dieser Zusammenhang längst war, so hat
ihn doch niemand bisher so geistvoll ausgeführt wie Simmel, dem ich im folgenden
einzelnes entlehne.
Alle naturalwirtschaftlichen Verhältnisse bedingten eine Verkettung von Person zu
Person, eine starke, persönliche, gegenseitige Beeinflussung; sie konnte eine sittliche Hebung
und Stützung bedeuten wie persönliche Abhängigkeit, innere Bereicherung wie Unfreiheit.
Ihr bestes Beispiel ist die Art, wie sie in der Familie stattfindet. Der Herr und der
Sklave, der Fürst und der Lehnsmann, der Gutsherr und der Bauer, der Meister und
der Geselle waren zusammengekoppelt, der eine abhängig vom anderen im Guten und
Bösen. Die Geldzahlung löst diese Bande mehr oder weniger, giebt ganze oder teil—
weise Freiheit, wie sie am meisten der Käufer und Verkäufer, aber auch der Beamte,
der Geldlohnarbeiter, der freie Bauer haben. Mit seinem Geldverdienst kann der
einzelne nun wenigstens in den freien Stunden thun, was er will; mit Geld in der
Hand ist jeder gleich, fühlt er sich unabhängig, auf sich gestellt; alle Geldkontrakte sind
kurz, leicht löslich. Die Geldwirtschaft giebt die persönliche Freiheit und Unabhängig—
keit, die Unkontrolliertheit, das ganz individuelle Für-sich-sein. In naturalwirtschaftlichen
Beziehungen berührten sich Dutzende, in Geldbeziehung kann man zu Taufsenden stehen.
Maͤn ist dann wohl auch von ihnen abhängig, aber nicht persönlich. Der Großstadtmensch,
sagt Simmel, wird immer abhängiger von Ganzheiten und Allheiten, aber unabhängiger
von Einzelheiten. Im Großbetrieb ist jeder Mitarbeitende vom Mechanismus der Technik
abhängig, aber nicht so von einzelnen Personen wie in der Familie. Man hat immer
wenigstens die Auswahl, die Möglichkeit des Ausweichens, am deutlichsten auf dem Markt,
im Kundenverhältnis. Aber die Kehrseite ist auch, daß man sich viel weniger beeinflußt,
daß man keine Rücksicht mehr nimmt, daß perfönliche Werte und sittliche Wechsel—
wirkungen verloren gehen. Der Mensch wird halb zur Nummer im großen Geldverkehr;
der Geldverkehr macht leicht rücksichtslos, schamlos, hart und egoistisch, treulos und
zleichgültig, weil der Mensch die sittliche Verpflichtung des versönlichen gegenseitigen
Gebundenseins nicht mehr so fuhlt.
Damit kommen wir zum letzten Punkt, zu den großen sittlichen Schäden, die die
Geldwirtschaft immer wieder mit ihren Siegen herbeiführt, die vielfach auch als wirt⸗
schaftliche Mißstände, als Notstände besonders der unteren Klassen sich zeigen. Indem
das Geld das begehrteste und allmächtigste wirtschaftliche Gut wird, dasjenige, was fast
jeder heute, um leben zu können, sich verschaffen muß, wird es für viele aus einem
dienenden Mittel zum Selbstzweck, ja zu dem alle anderen Lebenszwecke in den Hinter—
grund drängenden, alle Bande der Moral, der Sitte, des Rechts sprengenden Ziele des
Strebens; es ist unbegrenzt umlaufbar, giebt Genuß und Macht wie nichts sonst,