557) Die socialen und psfychischen Folgen der Geldwirtschaft. 99
es erzeugt die Geldgier, den Geiz, den Machtmißbrauch. Indem es den einzelnen die persön—
liche Freiheit giebt, giebt es wohl vielen Wurde und Charakter, erzeugt aber auch bei
zahlreichen Besitzern Mißbrauch aller Art und dann Leere und Gleichgültigkeit. Indem es
die naturalwirtschaftlichen Bindungen und persönlichen Beeinflussungen aufhebt oder zurück—
drängt, raubt es vielen, oft Tausenden und Millionen, die sittlichen Zusammenhänge,
die Stützen, auf denen ihre Lebensführung beruhte; der des Lehnsnexus befreite Ritter—
gutsbesitzer wird Getreidespekulant, der befreite Bauer verschuldet sich, verkommt vielfach;
Tausende waren nicht fähig, sich zu halten, verloren ihre Hufe. Millionen von Arbeitern,
die 175801900 aus ihren naturalwirtschaftlichen Verhaͤltnissen herausgerissen wurden,
verarmten und verkamen, weil sie ohne Kuh, ohne Schwein, ohne kleine Kartoffel—
wirtschaft nicht sich zurecht fanden, im Getriebe der Großstadt die freie, selbständige
Geldwirtschaft nicht erlernten, der Verschuldung bei Bäcker und Krämer, dem Trunk,
dem Laster anheimfielen.
Die UÜberlegenheit des Geldes über alle andere Ware erzeugt die großen Gewinne
der Geldbesitzer. Die Geldleute sind die, welche immer gewinnen; bei ihnen wächst der
Reichtum oft lawinenhaft; die Geldwirtschaft erzeugt, wo fie eindringt, eine stärkere Diffe-
renzierung des Besitzes und Reichtums als je zuvor. Und da „in Geldsachen die Ge—
mütlichkeit“ aufhört, da mit der Geldwirtschaft die persönlichen Rücksichten zurücktreten,
so wird die Härte, die Rücksichtslosigkeit, die Macht der Geldleute leicht zum Krebs—
schaden der Gesellschaft. Sie kaufen alles, die öffentliche Meinung, oft sogar die Re—
gierung und die Parlamente. Bestechlichkeit, Korruption, Prostitution (die geistige und
die körperliche), das Überwuchern der Geldheiraten, der gewissenlose Materialismus, die
cynische Blasiertheit, die frivole Lieblosigkeit, die ausbeutende harte Klassenherrschaft,
das sind die Züge einer extremen Geldwirtschaft. Derartiges ist keineswegs immer ein—
getreten, kann, wo die Gefahren sich zeigen, bekämpft werden, aber häufig haben sich
solche Folgen in größerem oder geringerem Grade eiugestellt.
Die älteren Socialisten wollten deshalb alles Geld abschaffen, später es durch ein
Arbeitsgeld ersetzen: ihre Anklage ging dahin, daß früher der Aristokrat für den Sklaven
und Leibeigenen immer noch persbnliche Rücksichten gehabt habe, weil sein Interesse ihm
Schonung dgebot, daß der heutige Unternehmer den Arbeiter ausprefse, dann wegwerfe. Sie
haben darin Recht, daß die geldwirtschaftlichen Beziehungen zunächst leicht Entfremdung
und Gleichgültigkeit schaffen. Aber mit der Zeit sieht der Unternehmerstand doch ein,
daß ein tüchtiger, gut geschulter Arbeiterstand in seinem Interesse liege. Statt der
alten individuell personlichen Beziehungen und Rücksichten entstehen neue sociale Be—
ziehungen, Bindungen, Beeinflussungen; statt der alten entstehen neue Institutionen;
die Arbeiterverbände, die Schiedsgerichte, die Hülfskafsen, die Sparkassen ersetzen dem
Arbeiterstand, was früher der Leibeigene an seinem Herrn hatte.
Und so auch in anderen Verhältnissen. Das reine Geldverhältnis, der cashnexus,
der mit jeder Geldzahlung alle Beziehung erledigt glaubt, existiert kaum irgendwo voll⸗
ständig. Auch den Kaufmann und den Kunden verbinden dauernde sittliche Beziehungen
des Vertrauens, der Anhänglichkeit; je höher die Berufe stehen, desto weniger ist der
Beldempfunger mit dem bloßen Gelde zufrieden; der Arzt und der Gelehrte will nicht bloß
Honorar, der Beamte und Minister nicht bloß Gehalt, der Unternehmer nicht bloß Gewinn.
Die Ehre, die sittliche Achtung durch' andere und sich selbst spiell in alles Wirtschafts
eben cuch heute hinein Die vornehme Gesinnung muß geweckt und ausgebaut werden.
Es muß der sittliche Volksinstinkt die Gebiete finden und kennzeichnen, die jenseits alles
Beldwerts liegen; die persönliche Würde und Unkäuflichkeit wird sich dann wieder in
breiten gesellschaftlichen Verhältnissen behaupten, gegen die Korruption kämpfen. Die
Menschheit wird sich nach und nach klar werden, daß überall neben der Geldbeziehung
versönliche, höher stehende, über sie hinausreichende Beziehungen existieren und sich er—
halten müssen, die dem Leben den wahren Wert und auch dem wirtschaftlichen Getriebe
erst die rechte Ordnung geben.
Das Schlimmste, was wir an der Geldwirtschaft des sinkenden Altertums und der
letzten Generationen aussetzen, ist nicht bloß Folge dieser, sondern der bestimmten sitt—