Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

561)] Der psychologische Ursprung der Wertgefühle und -urteile. 103 
einen allgemeinen Wertzusammenhang stellen; sie sind ein Ergebnis der Sprache, der 
Verständigung, der gesellschaftlichen Zusammenhänge. Und so fieckt in jedem subjektiven 
Werte ein Objektives. 
Jedes Wertgefühl und Werturteil hat so eine Doppelnatur: es ist in der Seele 
des einzelnen entstanden, von dem Individuum, seinen Trieben und Anlagen, seinen 
Schicksalen, seiner augenblicklichen Lage und Reizung bedingt, aber es ist zugleich der 
Ausdruck von Gefühlen, Vorstellungen und Überlieferungen eines gesellschaftlichen Kreises, 
einer geistig-socialen Atmosphäre. Der Egoist wertet anders als der, welcher sich auf 
den Standpunkt der Familie oder eines sonstigen weiteren Kreises stellt. Aber auch 
der Egoist glaubt sicher nur an sich, wenn er sich in einer gewissen Übereinstimmung 
mit anderen weiß. Die Mehrzahl der Menschen halten das für wert, was eine Autorität, 
ein gesellschaftlicher Kreis bereits so geschätzt hat, was bisher von der öffentlichen 
Meinung dafür erklärt wurde. Und das um so mehr, je naiver und primitiver der einzelne 
ist, je mehr er noch als Herdentier fühlt und urteilt. Der hochgebildete, moderne Mensch 
ist individueller, wird also auch individuellere Werturteile haben. Auch bei ihm jedoch 
wird oft, ja meist das freieste subjektive Wertgefühl nichts als eine Modifikation des 
gesellschaftlich objektiven Wertes sein, die der einzelne nach seiner persönlichen Stimmung 
und Lage gegenüber dem Urteil der übrigen vorzunehmen wagt. 
Der ganze historische Entwickelungsprozeß menschlichen Fühlens und Urteilens 
ist der Boden, auf dem der Wert erwächst. Wie das Tier im Instinkt das ihm 
Nützliche durchschnittlich richtig wertet, so sind es beim Menschen erst instinktive Gefühle, 
dann die Triebe und Bedürfnisse, die ihn dabei beherrschen; aus dem physisch-animalischen 
Leben, aus den praktisch-technischen Erfahrungen erwachsen die Wertungen, die dem 
Menschen zeigen, was ihn am besten nährt, wärmt, fördert, womit seine Arbeit am 
weitesten kommt. Und indem er höhere Gefühle ausbildet, indem die feineren und 
edleren Bedürfnisse entstehen, verfolgt er höhere Zwecke auf Grund der höheren Gefühle; 
es entstehen so neue Gruppen von Werten, Werturteilen und -Vorstellungen, die teil— 
weise nicht mehr auf ein Haben, Besitzen, Arbeiten, sondern auf die Existenz gewisser 
Verhältnisse, auf ein Anschauen und Genießen, auf die Herstellung socialer Einrichtungen, 
ästhetischer Erscheinungen, sittlicher Zustände gerichtet sind. 
Das wirtschaftliche Werturteil in dem Sinne der Schätzung der Nährmittel, der 
Bekleidung, des Obdachs für die menschliche Existenz ist vielleicht eines der ältesten; 
aber es paart sich fruh mit dem socialen Werturteil der Ehre, mit dem Bedürfnis des 
Geschätztseinwollens; indem gesellschaftliche Institutionen entstehen, bildet sich das 
politische Werturteil, die Schätzung der Institutionen für die Zwecke der politischen 
Organisation; mit der Musik, den Künsten entsteht das ästhetische, das musikalische 
Werturteil, mit der Wifsenschaft das wiffenschaftliche Werturteil. Es bildet sich kein 
Sondergebiet aus, ohne daß neue Arten des Wertes entständen. Aber sie hängen alle 
jusammen, wie die menschlichen Zwecke selbst; sie haben im menschlichen Selbstbewußt— 
sein ihren Mittelpunkt. Sie kämpfen und ringen notwendig mit einander. Die alten 
Gefühlsdisposttionen werden nach und nach von neuen modifiziert und verdrängt. Es 
findet stets mit der Entwickelung eine größere oder kleinere Umwertung aller Werte 
statt. Aber stets muß sich ein Gleichgewichtszusand, eine Ordnung, eine Hierarchie 
der Werte wiederherstellen.. Und das 'kann nur geschehen von einem Überblick über 
das Ganze des Lebens, d. h. alle Werte müssen sich jederzeit im sittlichen Werturteil 
zusammenfafsen. Das sittliche Urteil beruht ja gerade auf der richtigen Wertung der 
verschiedenen menschlichen Zwecke untereinander, auf ihrer geordneten Einheit. Die 
sittliche Wertordnung ist das höchste und letzte Ergebnis des Wertgefühls und -urteils. 
Alle anderen gesellschaftlichen, ästhetischen, technischen, politischen und sonstigen Wert— 
urteile, vor allem auch das wirtschaftliche, sind nach der Seite der Zweckordnung und 
der fittlichen Folgen im sittlichen Wertbewußtsein mit enthalten. Es handelt sich 
gleichmähig bei allen Wertungen um das Suchen und Finden des Lebensförderlichen, 
vom niedrigsten Mittel äußerer Zweckmäßigkeit bis zur idealen Ordnung des sittlich 
vernünftigen Lebens. Das Nützliche, das Brauchbare ist das Lebensförderliche abe—
	        
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