254 Zwanzigstes Buch. Zweites KRapitel.
noch zuließ, die intimsten körperlichen Reize eingebildeter Ge—
liebten besungen, und die Dichtung löste sich auf in ein Phrasen—
geklingel von unzüchtiger Lüsternheit.
Dabei handelte es sich keineswegs nur um eine etwa
Hofmannswaldau allein angehörige, bloßer Laune verdaukte
UÜbertragung des Marinismus in deutsche Lande. Eine Be—
trachtung der Poesie Hofmannswaldaus in diesem Sinne würde
einer Anschauung entsprechen, die unsere barocke Plastik allein
aus der Übertragung der Schöpfungen Berninis nach Deutsch⸗
land ableiten wollte. Im Grunde lag vielmehr eine ganz
organische Wendung in der Entwicklung der deutschen ver⸗
standesmäßigen Renaissancepoesie selber vor.
In noch maßhaltender Betrachtung hatte man während
der guten Zeiten dieser Renaissance die Dichtung anfangs
bloß als Reproduktion, als Malerei, als Nachahmung an⸗
gesehen, indem man nach den Vorschriften einer nachahmen⸗
den Poesie die ersten, die antiken Produkte dieser Poesie noch⸗
mals nachahmte. Was anders konnte da aber das Ergebnis
sein als Eintönigkeit und Schablone? Wollte man diese
jetzt innerhalb des Ideenbereichs der einmal eingeschlagenen
Richtung vermeiden, so war es nur noch möglich durch über—
treibung der Form: denn nur diese lag noch im wesentlichen
Kreise des poetischen Interesses. Damit war man denn zu
immer stärkeren Steigerungen der Form, zu immer wilderem
Farbenauftrag gleichsam gezwungen, und man konnte sogar der
Einbildung leben, sich damit in einer Reaktion gegen die karge
Nüchternheit der Opitzischen Periode zu befinden: barocker
Schwulst war die Folge, bis der Schwulst schließlich vollends
auf den geringen, etwa noch vorhandenen poetischen Inhalt
übergriff und auch diesen noch in leere Vorstellungen umsetzte.
Dieser Verlauf der Entwicklung war allgemein, und so
fand Hofmannswaldau Nachfolger; das ältere Ideal der
humanistisch-didaktischen Poesie starb ab — schon Hofmann
machte sich über die „gemeinen Schul-Possen“ lustig —, und die
Vorstellungen eines lüsternen Alamodetums und italienisch⸗welt⸗
männischen Geistes nehmen Platz an der leer gelassenen Tafel.