106 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1364
Beschaffbarkeit für die wirtschaftlichen Zwecke des Menschen hat.
Das Werturteil wird sich stets ausdrücken in einer Gleichsetzung des einen mit einem
anderen als in seinem Wert bekannt vorausgesetzten Gute oder in einer Unter- oder
Uberordnung: a — b, à beoder à Ab. Nur bekannte Größen mit bekannten Quali—
täten können so verglichen werden. Erst ein leidlich geordnetes Maß- und Gewichts—
system konnte ein ganz deutliches Wertbewußtsein entstehen lassen. Die Wertmäß—
bestimmung des einen Gutes durch den Wert eines anderen als bekannt vorausgesetzten
ichließt eben, sofern dieses als bekannt angenommen wird, die Vergleichung mit zahl—
reichen anderen Werturteilen in sich. Das Werturteil 1 Pfund Fleisch — 1 Mark
schließt das Mitdenken aller Werte, die einer Mark gleichstehen, in sich. Wir sahen
oben schon, daß erst die Entstehung allgemein beliebter und kurrenter Tauschmittel und
zuletzt des Geldes ein ganz deutliches Wertbewußtsein bilden konnte. Jedes einzelne
Werturteil erhält erst durch die geahnte oder klar bewußte Einfügung in eine Wert—
ordnung, in der alle erheblichen Werturteile enthalten sind, seine feste Stellung. In
der Epoche der Geldwirtschaft ist es der auf dem Markt zur Erscheinung kommende,
meist durch Bezahlung in Geld ausgedrückte Wert, der Preis, der als der präciseste
Wertausdruck erscheint. Der Preis ist der konkret im einzelnen Fall zur That gewordene
Wert; der Wert ist die pfychologische Voraussetzung des Preises, der ideale Maßstab,
an dem der einzelne praktische Fall gemessen wird. — Die teilweise in den Lehrbüchern
gemachte Unterscheidung einer besonderen Wert- und einer besonderen Vreislehre halten
wir nicht für nötig.
Je nach den wirtschaftlichen Zwecken und je nach den Personen oder Personen—
gruppen, auf welche die Güter bezogen werden, ergeben sich die verschiedenen Arten
des wirtschaftlichen Wertes, die man zu unterscheiden pflegt.
Die wirtschaftlichen Güter und Leistungen werden vom primitiven Menschen
wesentlich nur auf seinen Gebrauch, seinen Genuß bezogen; sobald er aber zweckmäßig
zu wirtschaften beginnt, sieht er daneben in gewissen wirtschaftlichen Gütern und in
der Arbeit Mittel zur weiteren Produktion und schätzt nach ihrer Fähigkeit hierzu ihren
Wert; gnd wo der Tausch- und Marktverkehr begonnen hat, kommt zu diesen beiden
ersten Uberlegungen die dritte: das einzelne Gut kann andere eintauschen, wird so
gewissermaßen zu einem Stellvertreter anderer Güter. Daher schied man seit Quesnay
and A. Smith Gebrauchs- und Tauschwert, seit Rau Gebrauchs-(enuß-)wert,
Erzeugungs-(Produktions-, Ertrags-)wert und Tausch- oder Marktwert. Der
Gebrauchswert ist der innerste Kern in dem pfychischen Prozeß der Wertbildung, und er
bleibt es immer; er entspringt den lebendigsten Interessen an der eigenen und gesellschaftlichen
Wohlfahrt; auch die auf die anderen Zwecke bezogenen Werturteile find gleichsam an
ihm verankert, aus ihm entsprofsen. Aller Produktionswert oder Ertragswert wird
einem Grundstück, einer Maschine, einem Kapital, einer Arbeitsleistung nur beigelegt,
'ofern sie etwas zum Gebrauch oder Genuß Taugliches schaffen, zu dessen Erzeugung
etwas beitragen können; und unter den Produktionsmitteln werden die, welche die
besten und meisten Gebrauchsgüter liefern, und unter ihnen wieder die seltensten, am
ichwierigsten zu beschaffenden am höchsten gewertet, weil ihr Mangel die Menge und
Art der Gebrauchsgüter viel mehr bedroht, als es der der leicht ersetzlichen, in größerer
Menge vorhandenen Produktionsmittel thut. Der Tausch-, Markt⸗ oder Verkehrswert
endlich, der für den oberflächlichen Beobachter, aber nur für ihn, die Beziehung auf
den Gebrauch und Genuß abstreift, hat seinen letzten Grund doch in den Lust- und
Unlustgefühlen der Konsumenten, denen der ganze Mechanismus der Produktion und
des Verkehrs dient. Nur liegen hier bedeutsame Zwischenglieder der Wertung zwischen
Anfang und Ende dieses Wertbildungsprozesses.
Die Entstehung des Gebrauchs- und Genußwertes liegt in der Welt der mensch⸗
lichen Gefühle; das Heer der Lusi- und Unlustempfindungen in ihrem tausendfachen
Wechselspiel, in ihrer oft schwierigen Vergleichbarkeit beherrscht ihn. Man hat ihn
durch abstrakte Versuche der Messung der Gefühle in seiner Wuͤrzel zu fassen, zu ver—
deutlichen gesucht. Ohne viel Erfola. Die duukeln oft halb instinktiven Gefühle der