565) Die wirtschaftlichen Wertarten.
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Lust und Unlust find eben nicht direkt meßbar. Sie werden nur greifbar, 5 F
indem sie sich zu gewissen Schätzungen äußerer Art verdichten, indem die Jahg dsende
alte Erfahrung und Gewohnheit Maßstäbe und Größenvorstellungen, ne
die meßbaren Ertrags- und Tauschwertschätzungen, gebildet haben. Der Ertrag
gehört dem technischen und physiologischen Gebiete der äußeren meßbaren Erfahrung
an: von zwei gleich großen Grundstücken giebt das eine 10, das andere 50 Hektoliter
Weizen; so und so viel Centner Dünger steigern diesen Ertrag aufs Doppelte. Der
Verkehrs-, Tausch-, Marktwert ist durch Vertrag oder schätzende Autorität in Geld oder
in naturalen Einheiten, deren Wert als bekannt gilt, festgesetzt. Das sind zahlenmäßige,
faßbare, auf einheitliche Nenner zurückgeführte Größen, mit denen man rechnen, summieren,
Buch führen kann. Die beiden letzten Wertarten stehen wie erwähnt stets mit den
Genußwerten, mit dem Untergrund von Lust- und Unlustgefühlen in Relation, ent—
sprechen ihnen im großen und ganzen, so fsehr sie im einzelnen abweichen können. Der
Genußwert ist und bleibt das Primare; aber er ist das schwer Faßbare, Inkommensurable
und erhält deshalb durch Ertrags- und Tauschwert, durch die Rückübertragung von
deren Zahlengrößen auch erst seine Bestimmtheit. Die Untersuchung des Gebrauchs—
werts verläuft in pfychologische und kulturgeschichtliche Untersuchungen der Gefühle und
ihrer Veränderungen; die Untersuchung des Ertragswerts fußt auf technologischen und
physiologischen Erörterungen; die des Tauschwerts ist die eigentlichste Aufgabe der
Volkswirtschaftslehre.
Eine eingehende Theorie des Tauschwerts suchten A. Smith und Ricardo aufzustellen,
und zwar mit der Absicht, über den Wirrwarr der Wertschwankungen durch möglichste
Zurückführung derselben auf eine Ursache Herr zu werden; sie suchten einen sogenannten
natürlichen, idealen Wert, um den die täglichen Oscillationen des Werts gravitieren;
fie sagten, mit gewissen Ausnahmen ist jedes Gut so viel wert, wie seine Produktions—
kosten betragen; diese bestimmen den Wert im großen und ganzen. Hauptsächlich
J. St. Mill formulierte die Ausnahmen dahin, daß die Seltenheiten und die nicht
beliebig reproduzierbaren Waren in ihrem Wert nicht durch die Kosten bestimmt werden.
Die Kosten selbst suchte man auf ein absolutes, konstant gedachtes Wertmaß zurück—
zuführen; man erörterte, ob der Lohn, der Getreidepreis, das Geld, die Arbeit dieses
Maß sei und blieb zuletzt bei der Arbeit stehen, suchte alle Produktionskosten in Arbeit
oder Arbeitsstunden, alle geistige Arbeit in Handarbeit aufzulbsen. Man glaubte so
zu einer objektiven Werttheorie gekommen zu sein. Das Extrem dieser Richtung stellt
Marx mit seiner Lehre dar, der Gebrauchswert sei als etwas Technologisches volks—
wirtschaftlich bedeutungslos, aller Wert beruhe auf dem Quantum gesellschaftlich not—
wendiger (d. h. dem lechnischen Kulturniveau entsprechender) Arbeitsstunden, die eine
Ware gekostet. „Alle Werte sind als Ware nur bestimmte Masfen festgeronnener
Arbeitszeit.“ Als ob jemals irgend ein Mensch, unabhängig von feinen Bedürfnissen
und den Mengenverhältnissen der Güter, irgend etwas hoch wertete, nur weil Arbeits—
stunden darin stecken. Aller Wert der Arbeit und ihrer Produkte hänat von der Nütz-
lichkeit und Begrenztheit derselben ab (Dietzel).
Die Theorie mußte auf den Gebrauchswert wieder zurückkommen; sie that es
zuerst in der Form einer unklaren Verwunderung darüber, daß Gebrauchs- und Tausch—
wert sich nicht stets decken. Schon A. Smith hatte gemeint, daß die Dinge, welche
den hoͤchsten Gebrauchswert besitzen, wie Licht und Wasser, wenig oder gar keinen
Tauschwert haben. Proudhon schloß daran an, klagte, daß der Tauschwert durch
größeres Angebot sinke und so die Produzenten schädige; das Nugloseste sei teuer, das
Nüßzlichste woͤhlfeil. Um über diesen Widerspruch Herr zu werden, verlangt er eine durch
bessere volkswirtschaftliche Organisation zu erzielende Konstituierung des Wertes nach
der Arbeit; damit kann nur die unmögliche Ausschließung der anderen werterzeugenden
Ursachen, wie Nützlichkeit, Seltenheit u. s. w., gemeint sein. Bei jeder solchen Auffassung
ist übrigens der Gebrauchswert mit der Nuͤtzlichkeit verwechselt; der Diamant solt
geringen Gebrauchs- und hohen Tauschwert haben; das ist das Urteil eines Diogenes,
nicht das jener Frauen. welche Diamaunten begehren und bezaäahlen.