Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

367)] Objektiver und subjektiver Wert. Marktwert. 109 
172. Der Marktwert auf Grund von Angebot und Nachfrage. 
Wir sahen, daß die individuellen und subjektiven Werturteile meist objektive Elemente 
in sich haben, in und durch die Gesellschaft leicht zu übereinstimmenden Bekenntnissen 
leinerer oder größerer Kreise werden; wir haben bei der Entstehung des Geldes gesehen, 
wie in primitiver Zeit gewisse gewohnheitsmäßige Gleichsetzungen mehrerer Güter ent— 
standen und durch lange Zeit hindurch sich erhielten. Schon die rohesten Zeiten und 
Gesellschaftszustände können wir uns so nicht ohne eine Summe typischer Wertgleichungen 
denken. Sie werden auch auf den ältesten Märkten den Ausgangspunkt aller Tausch-— 
und Verkaufsgeschäfte gebildet haben. Aber indem der Markt die Tauschenden, die 
Verkäufer und Käufer, örtlich und zeitlich vereinigte, indem auf ihm Gruppen von 
Verkäufern mit dem Angebot bestimmter Warenmengen und ⸗arten den Käufern, der 
sogenannten Nachfrage, entgegentraten, entstand das Marktfeilschen, der Druck von 
Angebot und Nachfrage auf den überlieferten, herkömmlichen Wert und je nach diesem 
Druck die eventuelle Hebung oder Senkung des Wertes. Und da fuür die entstehende 
wissenschaftliche Betrachtung diesfe Wirkung von Angebot und Nachfrage das zunächst 
Sichtbarste war, entstand die bis heute gültige Lehre, daß der Tauschwert von Angebot 
und Nachfrage bestimmt werde. Wir werden sehen, daß und in welcher Formulierung 
und Begrenzung dieser Satz heute noch Anspruch auf volle Gültigkeit hat. Auch die 
oͤsterreichische Wertschule leugnet ihn nicht. Sie verlangt nur, was ganz richtig ist, 
daß man Angebot und Nachfrage nicht als letzte Ursachen ansehe, sondern diese Er—⸗ 
icheinungen weiter zerlege und auf ihre Quellen zurückgehe. 
Der Marktwert ist ein objektiver Wert, über den bestimmte Gruppen von Ver— 
äufern und Käufern, trotzdem sie vorher vielleicht von ganz verschiedenen subjektiven 
Wertschätzungen ausgingen, auf Grund von mancherlei Feilschen, von gewissen Kon— 
urrenzvorgängen sich verständigen; zu dem an einem bestimiten Punkte so firxierten 
Marktwert werden dann alle oder die meisten Geschäfte des Marktes abgemacht. Ja, 
jeder Marktwert erhält über den Bereich der Teilnehmer hinaus eine gewisse Autorität; 
er behauptet sich schon nach dem Gesetz der Trägheit meist bis zum nächsten Markte, 
oft viel länger. Alle Geschäftswelt, alles präcise wirtschaftliche Kalkulieren bedarf der 
iesten objektiven Wertgrößen und hält sich, wo ein lebendiger Verkehr entstanden ist, 
an die Marktwerte, an die bisher gezahlten Preise. 
1. Um die Wirkung von Angebot und Nachfrage richtig zu würdigen, müfsen 
wir uns verständigen, was wir darunter verstehen. Es handelt sich zunächst jedenfalls 
um Größenvorstellungen. Das Angebot ist die von den Interessenten gewußte oder 
zeschätzte, bestimmte Menge einer Gattung von Waren, die auf einem bestimmten 
Markte, in einer bestimmlen Zeit Käufer sucht, zum Verkauf bereit liegt oder zu den 
üblichen Lieferungsterminen erwartet wird. Die Nachfrage ist der durch den Besitz von 
Geld oder Kredit unterstützte Wunsch der Käufer desfselben Marktes und derselben Zeit 
D der Händler, der Produzenten oder der Konsumenten —, diese Waren zu erwerben. 
Die bekannte immer wiederholte Schlußfolgerung ist, daß eine Zunahme des Angebots 
und ein Sinken der Nachfrage die Tendenz habe, den Wert herabzudrücken, eine Ab— 
nahme des Angebots und eine Verstärkung der Nachfrage, ihn zu heben. Gs ist ein 
Satz, der gleichsam selbstverständlich ist, mathemalische Evidenz hat. Er ist richtig 
gefaßt so wahr, daß wir seine Bestäligung täglich im Leben beobachten können. Seine 
praktische Anwendung setzt freilich voraus, daß wir Angebot und Nachfrage als zähl— 
und meßvare Größen fassen können. Es wird deshalb alle praktische Preisuntersuchung 
zuerst fragen, wo und wie kann ich diese Quantitäten bestimmen. Und so weit wir 
fie bestimmen konnen, werden wir sehr vft dadurch die wichtigste Aufklärung über die 
Ursachen der Werthohe und des Werlwechsels erhalten. 
Iu Am zu diesem Ziele zu gelangen, muß man die Größe des Marktes und seiner 
Beziehungen, die Art seiner Versorgung (ob sie auf einmal jährlich oder ununterbrochen 
Jeschicht) kennen; man muß wissen, “'wo und zu welcher Zeit die Hauptmenge des 
—X fich konzentriert z. B. in gewissen Lagern, auf gewissen Auktionen; 
nan muß den Zusammenhang verschiedener Märkte untereinander kennen; man muß
	        
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