LIO Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —(568
unterrichtet sein, wie die Aus- und Einfuhr⸗-, die Ernte-, die Lagerhausstatistik, die
Statistik der indirekten Steuern, die regelmäßigen kaufmännischen Berichte und Cirkulare
gewisse Quantitäten angeben, welche das Angebot direkt enthalten oder auf dassfelbe
schließen lassen; aus den Ernteberichten schließt man z. B. sicher auf das Getreide—
angebot. Immer wird die Größe des Angebots, besonders das der wichtigsten Cerealien,
Rohstoffe, Metalle, Kolonialwaren leichter so zu konstatieren sein als die der Nachfrage,
über die auch die besten Berichte meist nur ungefähre, keine zahlenmäßigen Nachweise
geben. Doch fehlen sie auch hier nicht ganz; z. B. geben Arbeitsnachweise von Gewerk—
bereinen oder anderen Organen über bestimmte Gruppen der Arbeitsnachfrage feste
Zahlen. Und bestimmte Teile des Angebots, z. B. das von Waren, die zerstreut überall
gemacht werden, die stetig in kleinen Mengen überall zum Verkauf kommen, lasfsen sich
ebenso wenig genau fassen.
Uber die Wirkung einer genauen Kenntnis der angebotenen Quantitäten belehre
uns folgendes Beispiel. Im europäischen Kaffeehandel wußte man 1860-1870, daß
zur normalen Versorgung von Europa jährlich etwa 6 Millionen Centner gehören, und
daß am 1. Dezember regelmäßig 1,68—2 Mill. Centner auf den sechs europäischen
Hauptmärkten liegen. Als nun 1868 -1872 der Kaffeekonsum sehr rasch stieg, ohne
daß die Produktion gleich schnell folgen konnte, konstatierte man die entsprechende
staffeemenge auf den 6 Märkten folgendermaßen: 1869 waren es 2,1, 1870 1,5, 1871
1,3, 1872 0,8 Mill. Centner. Jeder Sachkundige mußte daraus schließen, daß 1872
bis 1878 eine ganz anormale Kaffeepreissteigerung kommen mußte. Dezember 1868 stand
1Pfund guter ordinärer Domingokaffee im Hamburg 58 Pf., 1878 110 Pf. Ahnlich
konnte man aus der mittleren Weltkaffeeproduktion 1882—1892 von durchschnittlich
10—12 Mill. Centnern schließen, daß ein Zurückgehen auf 82ÿ9 Millionen, wie es
1889 — 1891 eintrat, die Preise für längere Zeit heben mußte. Die Vorräte waren
1890 halb so groß wie 1883251885. In sehr zahlreichen Fällen, in welchen man
zunächst die Wertveränderung auf alle möglichen verschiedenen Ursachen schob, hat eine
nachträgliche genaue Untersuchung der angebotenen und begehrten Quantitäten die
Erscheinung vollständig erklärt.
2. Und doch sind alle Schlüsse aus den angebotenen und begehrten Quantitäten
allein immer wieder mit größter Vorsicht zu machen. Es hat nicht mit Unrecht die
sogenannte Quantitätstheorie den Vorwurf falscher Abstraktion und schablonenhafter
Schlüsse auf sich gezogen. Man hat mit Recht eingeworfen, man könne sich a gar
aicht vorstellen, wie die bloßen Mengen direkt aufeinander wirken könnten. Nicht um
ein Rechenexempel, das aus der Größe von Angebot und Nachfrage den Preis ergiebt,
sondern um die psychische Wechselwirkung einer Anzahl Menschen, in der Regel zweier
Menschengruppen, handelt es sich auf dem Markte. Man hat hinzugefügt, nicht bloß
die Mengen, sondern die Intensität des Angebots und der Nachfrage entscheide. Das
ist ganz richtig, sosern man darunter die fämtlichen bei Verkaufs- und Kauflustigen
vorhandenen Motive, Kenntnisse und Machtverhältnisse sowie die Art versteht, wie die
Personen und ihre Eigenschaften aufeinander und auf den überkommenen Wert ie nach
den konkreten Verhältnissen und Markteinrichtungen wirken.
Faßt man Angebot und Nachfrage so, so kann darüber, daß sie immer wieder
auf den Tauschwert bestimmend wirken, kein Zweifel sein; aber man hat damit auch
gewissermaßen die einsache fichere Formel der Erklärung aufgegeben; an Stelle der
einfachen Größen treten die kompliziertesten gesellschaftlichen Verhaͤltnisse und psychischen
Zusammenhänge. Immer muß es gelingen, durch fernere Analyse des Angebots und
der Nachfrage in diesem Sinne weiteres Licht zu schaffen. Das Allaemeinste ist hier,
Svezielleres weiter unten vorzuführen.
a) Es ist zunächst daran festzuhalten, daß der überlieferte Tauschwert stets den
Ausgangspunkt der Marktverhandlungen bildet. Er kann sehr fest sitzen, so daß ein
mäßiger Druck ihn nicht oder kaum berührt. Man hat gesagt, früher habe die Ge—
wohnheit die Preise beherrscht, heute thue es die Konkurrenz. Aber auch heute noch
hat die Gewohnheit, die Neigung, an überlieferten Säken festzuhalten, eine jsehr große