116 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[574
verhältnisse, die schon länger bestehen, die vielleicht bisher als erträgliche und billige
angesehen wurden, können durch den Wechsel der Maßstäbe, durch neue Vergleiche mit
nalogen Werten, die gestiegen sind, durch veränderte Ansprüche ans Leben, nun als
anbillige empfunden werden. Im einen wie im anderen Fall wird das um so mehr
geschehen, als die Preise mit dem rücksichtslosen Gebrauch der Macht und wirtschaft⸗
ichen Überlegenheit zusammenhängen, als sie Folge der Ausnützung der Not und der
Unkenntnis der Schwächeren sind. Sie werden eben dann als Not- und Wucherpreise,
As Ausbeutung und Ungerechtigkeit bezeichnet werden; manchmal gewiß mit Unrecht,
oft aber auch mit Recht.
Wir kommen damit zur allgemeinen Frage: giebt es einen gerechten Wert und
Preis überhaupt? Und waäas ist sein Ursprung, seine Bedeutung, seine Folge?
Indem wir auf das verweisen, was wir allgemein über das Princip der Ge—
rechtigkeit in der Volkswirtschajst (1S. 74 und 75) und über die Schranken und Regu—
ierungen der freien Konkurrenz (j1l 8 160, 161) sagten, geben wir zu, daß die Wert⸗
erscheinungen zu einem erheblichen Teile nur Folge natuͤrlicher Elemente, zujälliger
Freignisse sind, daß sie von den unbeherrschbaren Schicksalen der Völker mit bedingt
sind. Aber das gilt nicht für glle Teile der Wertbildung; an vielen Stellen sehen wir
lar, daß die Preise und ihre AÄnderungen von individuellem Willen, von gesellschaft⸗
lichen Einrichtungen allein oder mit bestimmt sind. Und soweit das der Fall, sprechen
wir von gerechtem oder ungerechtem Wert.
Nun ist freilich die Scheidung dieser zwei Gruppen von Thatbeständen und Ur—
jachen der Wertbildung sehr schwierig. Der Mißmut der Betroffenen sieht leicht eine
Schuld und erhebt Anklagen, wo keine vertretbaren Fehler vorliegen. Andererseits
zeneralisiert der rücksichtslose gewinnlustige Realist ebenso falsch; er sieht nur die Fälle,
n denen Natur, Zusall, Schicksal die Preise für den verlierenden Teil so hart gestaltet
haben, und behauptet deshalb allgemein, daß es sich in der Volkswirtschaft nur um
Größenverhältnisse und ihre Folgen handele, die einer sittlichen Betrachtung nicht unter—
lägen. Zumal in einer materialistischen Zeit, in den habsüchtigsten Kreisen der Ge—
schäftswelt hält man es für das gute Recht des Klugen und Geriebenen, jede Gewinn—
möglichkeit mit äußerster Rücksichtslosigkeit auszunutzen. Und eine Gesellschaft mit
reiem Privateigentum und relativ freiem Verkehr muß das auch bis auf einen gewissen
Brad dulden, wenn sie nicht die freie wirtschaftliche Bewegung aufheben will. Aber
daneben wird die Gesellschaft und werden besonders alle höher stehenden, alle edleren,
feinfühligen Elemente in ihr sich bewußt bleiben, daß die Werte und Marktpreise in
der oben angegebenen Beschränkung durch menschliche Anordnungen und Einrichtungen
korrigierbar sind. Hier wird man sich stets erinnern, daß die Preise Gewinn und
Verlust in bestimmten Kreisen verteilen, welche, gesellschaftlich und sittlich verbunden,
eine billige und gerechte Ordnung ihres Einkommens erhoffen, verlangen und, soweit
es geht, durchseßzen wollen; unser Innerstes fordert, daß eine solche Ordnung im
zroßen und ganzen bestehe oder erstrebt werde. Keine Gruppe zusammengehsriger
Menschen, keine Markt- oder sonstige Gesellschaft wird je über unbillige Preise und
über eine unbillige Einkommensverteilung als deren Folge sich damit trösten können
und dürfen, das“ sei eben das Ergebnis des freien, willkürlichen Machtgebrauches der
Individuen. Sie wird immer zwischen sittlich und rechtlich erlaubtem und unerlaubtem
Machtgebrauch unterscheiden. Sie wird immer wieder den sittlich unerlaubten tadeln,
den rechtlich unerlaubien zu hindern und zu strafen suchen und überlegen, bis wohin
das rechtlich Unerlaubte gehen dürfe.
Die hierbei maßgebenden Gefühle und Überlegungen werden dabei stets dahin
treben, die größeren oder kleineren zusammengehörigen Gruppen von Menschen nach
hren Eigenschaften, Tugenden, Verdiensten, Fehlern in gewisse abzuschätzende Reihen
und Stufen zu bringen; man wird sagen: die Ehren und die Güter, die Strafen und
»ie Nachteile sollten diesen Urteilen, diesen Stufen entsprechen. Dann hätte jeder das
Seine, dann wäre die Gerechtigkeit voll und ganz hergestellt.
Jeder Vernünftige und billig Denkende weiß nun wohl, daß dieses Ziel nie ganz