120 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. (378
französischen Städten Brottaxen, 1884 fiel ein Gesetzesantrag, der alle franzöfischen
Brottaxen verbieten wollte. Auch in Deutschland find Taxen für Verkehrs- und
Straßengewerbe, für Auktionatoren, Feldmesser, Wäger, Apotheker beute noch erlaubt
und üblich.
Das Urteil über das ganze ältere obrigkeitliche Taxwesen wird kein einheitliches
sein können, weil die Institution so ganz verschieden angewandt wurde. Man kann
durch Taxen natürlich nicht in einer Hungersnot oder Revolution, wie 1793 -1794
in Frankreich durch das sogenannte Maximum, billiges Brot schaffen, Man kann
durch Taxen nicht ein entwerletes Papiergeld auf den Parikurs heben, in einem kapital⸗
Irmen Lande den Zinsfuß nicht von 10 oder 6 auf 5 oder 83 Prozent herabdrücken.
Und doch ist Derartiges oft versucht worden. Wohl aber kann man durch Taxen,
welche auf die Produktionskosten und einen billigen Gewinn der Verkäufer Rücksicht
nehmen, innerhalb der Grenzen, welche Angebot und Nachfrage als äußerste bestimmen,
den Preis etwas höher oder niedriger setzen; man kann so gewisse Schwankungen be—
eitigen, vor allem Übervorteilungen, Ausbeutungen und Machtmißbrauch in einzelnen
Fällen und gegen ganze Klassen hindern, ohne daß damit eine falsche Entwickelung der
Produktion, des Handels, der Einkommensverteilung herbeigeführt würde. Natürlich
war stets die Vorfrage, ob die taxierenden Behörden kundig genug waren, auf Grund
oon Vernehmung aller Beteiligten vorgingen, ob sie für die Interessen der einen oder
inderen Seite, der Verkäufer oder Käufer, der Unternehmer oder Arbeiter voreingenommen
waren. Endlich war die Maßregel leichter, je einfacher die Technik, je geringer die
Arbeitsteilung, je kleiner und abgegrenzter der Markt war, je mehr man die Preise
eines Produktes, wie Brot oder Bier, nach den Rohstoffpreisen (Weizen, Roggen, Malz)
in schematischer Weise abstufen, diese Rohstoffpreise in sicheren Durchschnitten, auf kleinen
Märkten fassen konnte, je mehr auch noch alle Produzenten den gleichen gesellschaftlichen
Schichten angehörten und mit einem bekannten jährlichen Durchschnittsgewinn zufrieden
waren. Die Taxen waren, selbst unvollkommen, doch da dringend nötig, wo die Kon—
kurrenz und die Hffentlichkeit noch fehlte, wo ohne Taxen die Konsumenten einzelnen
monopolistischen Produzenten oder Händlern ausgeliefert waren.
Fast alle diese Punkte haben sich in den letzten Menschenaliern geändert: statt
lokaler nationale und Weltmärkte, statt einfacher eine komplizierte Technik und Arbeits⸗
eilung, statt gleicher die verschiedensten Betriebsfformen und Produktionsbedingungen,
statt mangelnder große Konkurrenz und Offentlichkeit. Die alten Methoden und obrig—
keitlichen Taxbehörden wurden teils überflüssig, teils versagten sie; sie lieferten Resultate,
die sich nicht bewährten, die ungünstige Folgen hatten, vielfach umgangen wurden.
Dazu kam der theoretische Glaube der Zeit an das Unberechtigte aller obrigkeitlichen
Taten und der Wunsch der Geschäitsleuse, in ihren egoistischen Gewinntendenzen nicht
geniert zu werden.
Aber es ist mit der gewerbefreiheitlichen weitgehenden Befeitigung der früheren
Taxen und ihren Folgen nicht der Beweis geliefert, daß nicht Ahnliches wie früher,
wenn auch in anderer Form, sich neu bilde. Es scheint vielmehr, daß in breiter Weise
die moderne Volkswirtschaft wieder zu gewissen Preisfestsetzungen kommt, die nicht aus
dem Feilschen von Käufern und Verkäusern, sondern aus der Thätigkeit gesellschaftlicher
Organe hervorgehen, die für bestimmte Märkte, bestimmte Zeit, bestimmte Leistungen
und Waren die Käufer und Verkäufer binden. Diese Festsetzungen beziehen sich nun
nicht mehr in erster Linie auf Brot, Fleisch und Bier, sondern auf Löhne, Gehalte,
Rohstoff- und Halbstoffpreise, auf die gesamten Verkehrsdienste; sie können die individuali—
fierlen Waren und Arbeitsdienste so wenig wie früher erfassen, sondern nur typische,
in Tausenden von gleichen Fällen sich wiederholende; aber ihr Gebiet ist doch groß und
täglich wachsend. Sie suchen sich auf die Mitwirkung der beteiligten Käufer und Ver⸗
käufer zu ftützen, überall die iechnisch und kaufmännisch Sachverständigsten heran—
uziehen; sie beruhen teilweise auf freier Vereinbarung gesellschaftlicher Gruppen und
Korporationen, aber oft auch und in steigendem Maße auf der Mitwirkung von Schieds—
richtern und öffentlichen Behörden. Zumal wo große Monopole entstehen, wird deren